2.3.6.3. "Rasse" und sprachverwandte Wörter

Das Wort "Rasse" hat alte Wurzeln, die sich zurückführen lassen bis in eine viele Jahrtausende zurückliegende Zeit, in der die indoeuropäischen und die afroasiatischen Sprachen noch einen gemeinsamen sprachlichen Untergrund in der hypothetischen "nostratischen" Ursprache hatten, die sich auch weit bis in den Osten Eurasiens verbreitet hatte. Da die deutsche Sprache der indoeuropäischen Sprachengruppe und das Hebräische den afroasiatischen Sprachen zuzurechnen sind, sind auch Deutsch und Hebräisch urverwandt, im Unterschied zum weniger verwandten Baskischen und zu den nordkaukasischen Sprachen, die einer anderen Sprachengruppe zuzuordnen sind. Zu den aus Sprachvergleichen erschlossenen Wurzeln des Nostratischen gehört die Wurzel

Zur sprachlichen Verwandtschaft dieser Wurzel gehören wohl auch verschiedene hölzerne Geräte und damit ausgeübte Tätigkeiten, so z.B.

In dem vom Nostratischen ableitbaren Indogermanischen gibt es die Wurzel

und ein gemeingermanisches Substantiv

Dies alles zusammengenommen ergibt ein Bild, das diese verschiedenen Bedeutungen zusammenfasst: der Baum, von den Wurzeln über den schlanken Stamm bis zu den Zweigen.

Zum Indogermanischen gehört auch das Lateinische, und dazu gehört das Wort

Aus der gleichen Wurzel radix stammen, aber etwas harmloser, der Rettich und das Radieschen, die einfach "Wurzeln" sind und daher so heißen. Ob auch das deutsche Wort "roden", nämlich nach dem Holzfällen auch die Wurzelstöcke zu entfernen, zu diesem Wortfeld gehört, will ich offen lassen. Es erscheint mir aber als überprüfenswert, ob es das lateinische Wort "radix" war, das über

zum deutschen Wort "Rasse" führte, das im 17. Jahrhundert in deutschsprachigen Texten auftauchte. Das Wort bedeutete nämlich schon im 16. Jahrhundert "von edler Abstammung", also wie ein Zweig von edlem Stamme (wir erinnern uns an das schöne Lied: "Es ist ein Ros' entsprungen, aus einer Wurzel zart, wovon die Alten sungen, von Jesse war die Art"). Hinter solchem Sprachgebrauch stand in Spanien, auf die spätere Rassendiskussion vorausweisend, die von der Reconquista und der Gegenreformation (vor allem zur Abgrenzung gegen die zwangsgetauften Mauren und konvertierten Juden) vertretene und daher eigentlich religiöse Forderung nach der "Reinheit des Blutes" ("limpieza de sangre"), nämlich der echten, "schon immer" katholischen Spanier, ohne "befleckende" Beimischung islamischen, jüdischen oder protestantischen Glaubens und "Blutes".

Im Allgemeinen, vor jeder biologisch-wissenschaftlichen Einengung und Präzisierung, bedeutete das Wort "Rasse" umgangssprachlich so etwas wie "edles Geschlecht mit ausgeprägten, hervorstechenden Eigenschaften", und als "rassig" bezeichnete man einen Menschen oder auch ein Tier von ausgeprägter Eigenart und edler Abstammung, unter Pferden einen echten "Araber" und seine Abkömmlinge. Wir sehen also, dass das Bild eines Baumes, von den Wurzeln über den schlanken Stamm bis zu den von ihm "abstammenden" Zweigen, immer wieder aufgegriffen wurde. Wenn somit die "Rasse" zunächst als dem Stande nach edle oder dem Glauben nach richtige Abstammung verstanden wurde, so engte sich der Begriff später, in neutral biologischer Sicht, auf die klassifikatorische Unterscheidung von Merkmalskombinationen im Tier- und Pflanzenreich ein, menschliche Rassen nur mitbetreffend. Zwischen Art und Rasse wurde aber vor der genaueren Kenntnis der Kreuzungsversuche und Vererbungsgesetze noch nicht genau unterschieden. Wenn G. E. Lessing in "Nathan der Weise" von der menschlichen "Rasse" sprach, dann zeigt sich darin die über lange Zeit, bis zum Aufkommen der modernen Biologie, noch ungenaue Verwendung und, vom heutigen Sprachgebrauch her gesehen, Verwechslung von Art und Rasse. Noch die nazistischen Rassentheoretiker sahen die Rassenunterschiede als so etwas wie Artschranken an, und sie waren drauf und dran, die "Arier" als eigene Art neben der übrigen Menschheit zu etablieren. Das ist ihnen, den Alliierten sei Dank, nicht gelungen. In einer Welt, die von blond-blauäugigen Herrenmenschen regiert wird, hätte ich als dunkeläugig-dunkelhaariger Typ nicht leben wollen!