2.3.6.10. Biologismus

Der Rassismus ist nicht nur eine Weltanschauung bzw. ein Glaube mit pseudo-wissenschaftlicher Grundlegung. Zum Rassismus gehört auch, ganz praktisch und zielorientiert, neben der Vertreibung und ggf. Vernichtung der Andersrassigen, auch die Ausbreitung und schließliche Durchsetzung der eigenen Rasse durch das Kindermachen der Männer und das Kinderkriegen der Frauen. Ich halte diese beiden Aspekte der Vermehrung von Menschen auseinander, weil wir ja die Institution der Polygamie oder genauer: der Polygynie (Vielweiberei) kennen, in der die vielen Frauen eines Mannes von ihm zu Gebärmaschinen zur Vergrößerung seiner höchst eigenen Nachkommenschaft degradiert werden, vergleichbar den Herden, in denen ein Hengst über alle Stuten verfügt, und bei den Herden anderer Arten ähnlich. Die Polygynie entspricht somit einer alten Hirten- und Viehzüchtermentalität, und das gilt gleichermaßen auch für die Tendenz, die eigene Familie, wie die eigene Herde, durch gezielte Erhöhung ihrer Fortpflanzungsrate zu vergrößern. Die eigene Herde kann gar nicht groß genug sein. Sie braucht dringend gute Futterplätze und sie, nur sie selber, ist vor Raubtieren und vor menschlichen Viehräubern zu schützen. Und in der eigenen Herde sollen sich nur der ausgewählte springfreudige Bock und seine Schafe unbegrenzt vermehren, jedenfalls nicht das mindere Viehzeug der minderen anderen Hirten, das auch von der unkontrollierten sexuellen Vermischung mit dem schon ausgewählten und hochgezüchteten eigenen Vieh ferngehalten werden muss. Das wäre heute nicht mehr als Viehzüchtermentalität, sondern als unzulässige Reduktion menschlicher Gesellung auf Soziobiologie, also als Biologismus zu bezeichnen.

So gilt schon das alte biblische Gebot "seid fruchtbar und mehret euch" primär für die Gotteskinder, die Bene Israel, und nicht für die Anderen, und schon gar nicht für die "heidnischen" Kanaanäer, die sogar "der Vernichtung geweiht" waren, die es also bei der "Land(weg)nahme" ohne Rest zu töten galt. Zur Vermehrungsförderung der eigenen Sippe gehört auch das alte mosaische Gebot, den verstorbenen oder im Krieg gefallenen Ehemann einer Frau durch dessen Bruder oder anderen Anverwandten zu ersetzen. Zu solch alten Praktiken der Vermehrungssicherung kommt heute das Verbot einer praktikablen Empfängnisverhütung und der Abtreibung hinzu. So hat die Praxis einer Verbreitung nicht so sehr der eigenen Rasse, als vielmehr des eigenen Glaubens mit den biologistischen Mitteln der Vermehrungsförderung eine sehr alte Vorgeschichte, gleichermaßen alt wie die Versuche, den Kontakt mit den Andersgläubigen zu verhindern und jede vor allem sexuelle Verbindung mit den Andersgläubigen auszuschließen, wie es von Esra den Israeliten abverlangt wurde. Die Verbreitung des Glaubens (propaganda fide) durch die Forderung und Förderung des Kinderkriegens der Rechtgläubigen, also mit biologischen Mitteln, kann als eine alte Form eines Biologismus angesehen werden. Durch differentielles Bevölkerungswachstum zu Gunsten der Menschen der eigenen Glaubensrichtung und im Unterschied zur "ungläubigen" Bevölkerung kann der rechte Glaube, im sexuellen Zusammenwirken der Rechtgläubigen und mit der erfolgreichen Aufzucht früh getaufter Kinder, biologisch und zugleich kulturell verbreitet werden.

Wenn allerdings zwei oder mehr in einem Areal verbreitete oder geographisch aneinander angrenzende Religionsgemeinschaften in dem Ziel übereinstimmen, durch schnelleres Wachstum der je eigenen rechtgläubigen Bevölkerung deren Anzahl stetig zu erhöhen, dann führt solche Konkurrenz mit einer gewissen Notwendigkeit zur Übervölkerung, vor allem wenn sich in diesen Gebieten die Ressourcen zur Lebenserhaltung nicht gleichermaßen erhöhen oder noch stärker ausbeuten lassen. Da hilft dann ersatzweise nur noch, die Zahl der Ungläubigen, also der jeweils Andersgläubigen, durch einen gerechten Krieg zu dezimieren, unter möglichst großer Schonung der rechtgläubigen eigenen Bevölkerung, was einen Angriffskrieg, der in das Areal des Feindes hineingetragen wird und zu dessen Vernichtung führt, als naheliegend erscheinen lässt. Die Kombination von forcierter Selbstvermehrung mit Fremdenvernichtung hat somit eine alte Augenschein-Plausibilität, anscheinend bis heute, mit nach wie vor schlimmsten Auswirkungen.

Ich will daher vier einigermaßen aktuelle Beispiele für solche Bevölkerungspolitik vorbringen: Das erste betrifft, nur 70 bis 58 Jahre zurückliegend, die Versuche der Nazis, die Vermehrung der Deutschen quasi breitflächig durch Prämien und Anreize wie das Mutterkreuz, gestaffelt nach der Zahl der Geburten, zu fördern. Das Mutterkreuz, amtlich "Ehrenkreuz der Deutschen Mutter" genannt, war ein am 16.12.1938 gestiftetes dreistufiges Ehrenzeichen für Mütter mit vier und mehr Kindern. Stärker auf "arische" Rassereinheit zielend waren Versuche, sogar unter Nichtdeutschen bzw. "Beutegermanen" die Vermehrung blond-blauäugiger Sexualpartner und prospektiver Eltern zu fördern, was vor allem von Seiten der SS zunehmend systematisch betrieben wurde. Dabei ging es nicht mehr nur allgemein um die Vermehrung des Deutschtums, sondern ausschließlich um die Vermehrung der "arischen" bzw. nordischen Rasse, die ja ohnehin unter Deutschen nur schwach vertreten war.

Noch heute und somit ganz aktuell sind es aber, wie schon über viele Jahrhunderte bisher, die drei monotheistischen Großreligionen, das Judentum, das Christentum (insbesondere der Katholizismus) und der Islam, die das Kindermachen und Kinderkriegen der prospektiven Eltern zur religiösen Pflicht machen und dies nach Möglichkeit ganz direkt staatlich subventionieren und durch gestufte finanzielle Prämien fördern lassen. So hatte in Israel die in der letzten Wahl überraschend erfolgreiche laizistische Schinui-Partei unter Tomislav Lapid einigen Anlass, sich ausdrücklich gegen die langjährige Praxis zu wenden, dass ultraorthodoxe Familien für ihren Kinderreichtum vom Staat Israel subventioniert werden. Die finanziellen Zuwendungen sind so erheblich, dass die Familien davon ohne eigene Erwerbstätigkeit leben können und ohnehin wegen der ihnen eingeräumten Befreiung vom Wehrdienst nicht befürchten müssen, dass ihre jungen Männer und Frauen durch längere Abwesenheit oder gar frühen Heldentod dem Geschäft der Volks- und Glaubensvermehrung entzogen werden könnten.

Christen (insbesondere Katholiken) und Muslime stehen dem nicht nach. Wegen der Prägnanz der Formulierungen zitiere ich diesbezüglich aus dem Buch der kroatischen Autorin Dubravka Ugresić "Die Kultur der Lüge" (Suhrkamp, Frankfurt/M., 1994) aus dem Kapitel "Wir sind die Jungs" (S. 176): „>Nur eine Familie mit vier Kindern, vor allem auf dem (H. Sch.: noch reingläubig katholischen!) Dorf sichert die Zukunft Kroatiens ... Der Staat muss Maßnahmen ergreifen, um die Epidemie der Abtreibungen zu verhindern! Auf diesem Gebiet herrschen noch die Gesetze aus kommunistischer Zeit. Hinsichtlich der Abtreibungen leben wir noch im Serbokommunismus<, lautet die Erklärung eines kroatischen katholischen Denkers. >Ich habe für meine Musliminnen bereits eine Fatwa erlassen. Fünf Kinder mindestens! Zwei für sich, drei für Bosnien<, lautet die Erklärung eines bosnischen islamischen Denkers".

Das sind offensichtlich eindeutig biologistische Methoden der Ausbreitung des Glaubens, von denen sich jeder Antibiologist distanzieren müsste, da in ihnen biologische Mittel, Sexualität und Fortpflanzung, für ideologische oder religiöse Zwecke missbraucht werden. Nicht nur allgemein biologistisch, sondern im engeren Sinne rassistisch, und auch dies nur im Nebeneffekt, wäre ein solches Vorgehen, wenn Juden, Katholiken, Muslime und etwa gar Nazis sich auch rassisch voneinander unterscheiden würden. Das ist aber sicher nicht der Fall, jedenfalls nicht in abgegrenzten Bereichen wie in Israel und Palästina, in Nordirland, in Ex-Jugoslawien, und in Deutschland. In diesen Gegenden ist nämlich ohnehin, alle Glaubens- und Weltanschauungsgrenzen überschreitend, schon seit alten Zeiten von einem hohen Grad der Gemischtrassigkeit der jeweiligen Populationen auszugehen.

Es ist absehbar, dass es beim weiteren Fortschreiten der Globalisierung zu einer weiteren Aufweichung früherer Selbstabgrenzungen von religiös bzw. politisch determinierten Gemeinschaften kommt. Dann wird mit jeder neuen Generation eine "Entrassung" fortschreiten, deren Anfänge schon in den europäischen, nordamerikanischen und auch brasilianischen Großstädten zu beobachten sind. Eine solche Entrassung, und wenn man so will: die Geburt des globalen Menschen, wird dagegen in anderen Gebieten, im überall auf Erden vorfindbaren "Hinterland", deutlich langsamer voranschreiten, vergleichbar der überraschend langen Zeit, in der sich die intraeuropäische Vermischung der 8 Arten von Euromünzen vollzieht, jedenfalls bei uns in Marburg und speziell in meinem Portemonnaie. Ich habe darin, wenn ich überhaupt einmal darauf achte, bisher noch keinen "Ausländer" gefunden, aber ich freue mich schon auf die künftige Begegnung mit ihnen. Wenn noch weitere Euroländer im Osten dazukommen und innerhalb des Eurolandes die Freizügigkeit erhöht wird, geht es - zumindest mit den Münzen! - vielleicht etwas schneller!

Dass mir eine solche Entwicklung sympathisch ist, mag auch darin begründet sein, dass ich ja selber ein Rassenmischling bin und mich ohne Zögern dazu bekenne. Ich selber und die älteren meiner Kinder haben diese Mischungspraxis schon fortgesetzt, mit im einzelnen sehr positiven Ergebnissen, in denen Gene aus der Dominikanischen Republik, aus Irland, aus Sachsen und sogar aus Bayern ihren je besonderen Beitrag geleistet haben. Aber die Rassenmischung braucht nicht als Ideal gefordert zu werden, sie sollte Privatsache bleiben. Denn wer wird es den konservativeren und dabei noch etwas fremdenängstlicheren Menschen verdenken oder gar verwehren, ihren Sexual-, Ehe- und Lebenspartner eher unter Ihresgleichen zu suchen, wie dies selbst in Großstadtvierteln und vor allem in der Unterschicht noch häufig ist. So mag es auch weiterhin in weiten und bevölkerungsreichen Gebieten wie in Zentralchina und Indien eine gewisse, zunächst religiös und politisch bedingte, aber zugleich rassisch wirksame Selbstabschottung geben. Sei's drum! Die Weltgeschichte kann damit nicht auf Dauer aufgehalten werden. Die in den anderen Bereichen sich noch verstärkende Entwicklung zur globalen Menschheit ohne Rassengrenzen und vor allem ohne Rassenschranken geht dennoch weiter, denn das sind ohnehin spontane Entwicklungstrends, die sich kaum steuern lassen und à la longue zugunsten der Rassenmischung wirken werden. Muss man diesen Trend unterstützen? Das wäre anti-rassistisch und nicht weniger borniert und bevormundend als der Pro-Rassismus. Lasst doch die Menschen ihre eigenen Wege gehen und dabei auch ihre je eigenen Partner finden!

Es wäre übrigens gar kein Problem, jedenfalls kein biologisches, alte Menschenrassen weiterzuzüchten, sogar einigermaßen reinrassig. Nur sollte dies niemals Sache eines Staates sein, etwa gar eines neonazistischen. Dagegen wäre gegen derartige Bemühungen auf Vereinsebene, etwa in einem eingetragenen Verein zur Erhaltung der Rothaarigkeit, eigentlich nichts einzuwenden, wenn das Prinzip der Freiwilligkeit gewahrt und jede Zwangsmitgliedschaft ausgeschlossen bleibt. Wir, das heißt die Menschen dieser Erde, müssten natürlich aufpassen, dass die Rothaarigen nicht auf die verrückte Idee kommen, alle Schwarz- und Blondhaarigen, auch unter ihren eigenen Verwandten, als minderwertig (statt als nicht so rot) zu erklären und über sie die Weltherrschaft erringen oder sie ganz ausrotten zu wollen. Das würden wir ihnen niemals erlauben. Sie sollten sich damit zufrieden geben, ihre eigene Rothaarigkeit weiterzuvererben, gemeinsam mit anderen Rothaarigen, und sie sollten dabei Inzucht und Inzuchtschäden wie die Hüftluxation beim Deutschen Schäferhund und wie die Gebärprobleme beim Zwergpinscher tunlichst vermeiden. Eine gewisse Internationalisierung der Rothaarigkeit, bis nach Irland und Australien, würde dem entgegenwirken können. Aber wie schon deutlich gemacht, solche Rassenreinzucht wäre nicht mein Ding, und ich hoffe, dass auch die gegen Rassismus besonders empfindlich reagierenden Leser die Ironie in diesen Hinweisen erkennen können.

Ohnehin wird es auch weiterhin, inzwischen überall auf unserer so klein gewordenen Erde, junge Menschen geben, die neugieriger, mutiger, mobiler und fremdenfreundlicher als ihre Altersgenossen sind, ja eine Portion Intelligenz gehört auch dazu. Das wären Menschen, auf die das Anderssein ihres Partners einen besonderen Reiz ausübt, um gerade so ein geheimnisvoll anderes Wesen näher kennen lernen zu wollen und zu lieben. Neben den vielen anderen Möglichkeiten, als Mensch anders zu sein als die vertrauten Nachbarn, könnte auch das recht verstandene rassische Anderssein eines Menschen ihn (oder sie) als besonders attraktiv erscheinen lassen.

Aus alledem sollte doch deutlich geworden sein, dass ich in meinen kritischen Überlegungen über den Missbrauch des Rassismus-Begriffs keineswegs für die Betonung rassischer Unterschiede plädiere. Ich wende mich nur gegen eine weithin falsche Anwendung des Begriffs "Rassismus". Muss ich denn noch betonen, dass es auch heute noch wirkliche Rassisten gibt? Die also Menschen anderer Rasse tatsächlich als minderwertig ansehen? Es gibt sie, vor allem unter Ungebildeten. Aber daneben, und inzwischen viel häufiger, kenne ich Menschen, die etwas gegen "die Muslime", gegen "die Amerikaner" oder noch eher gegen "die Amis", gegen "die Intellektuellen" und andere solche Schlagwort-Gruppen haben. Solche Eigengruppen-Verteidiger könnten mit einem Wort wie "Rassist" nur beschimpft, aber nicht mit ihren jeweils unterschiedlichen ethnischen, religiösen, politischen oder schichtabhängigen Vorurteilen konfrontiert werden. Denn Vorurteile kann man nur kritisieren und ihnen zur Korrektur verhelfen, wenn man ihren inhaltlichen Kern erkennt, anspricht und verdeutlicht. Man muss dann klar machen, dass es "den" Amerikaner oder "den" Ami nicht gibt. Selbst unter Backwaren unterscheidet man Amerikaner mit weißer von denen mit brauner und weiß/brauner Glasur. Ich neige dazu, von jeder Sorte einen zum Kaffeetrinken mitzubringen.