2.3.6.13. Konsequenzen aus diesen Analysen

Kommen wir zum Schluss auf den aktuellen Anlass zu den hier vorgetragenen Überlegungen zurück. Es waren Formulierungen im Grundrechte-Report 2002, die den Verdacht weckten, dass in ihnen das Wort "Rassismus" missbräuchlich verwendet würde. Lesen wir deshalb nach, wie das Grundgesetz (GG) unserer Bundesrepublik den Begriff Rasse verwendet, von dem dann so etwas wie "Rassismus" abzuleiten wäre. Für diese Frage einschlägig ist der Art. 3. GG, der schon im ersten Absatz (1) feststellt: "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich". Im Absatz (2) geht es etwas ausführlicher um die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Im Absatz (3) heißt es dann: "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden ..." Das setzt offenbar voraus, dass es neben den anderen Unterscheidungsmerkmalen auch Rassen gibt. Was in diesem Satz aufgezählt wird, sind nämlich durchgehend Realitäten, die zur Unterscheidung zwischen Menschen dienen können. Es gibt tatsächlich die zwei Geschlechter (mindestens zwei!), es gibt Menschen verschiedener Abstammung, es gibt Sprachen, Heimat und Herkunft, es gibt Glauben verschiedener Arten und religiöse oder auch politische Anschauungen. Sollte allein die in diesem Kontext mit aufgeführte "Rasse" ein nicht existentes Phantom sein wie etwa die "Unfehlbarkeit"? Man kann natürlich auch wegen etwas, was es gar nicht gibt, sondern das einem nur zugeschrieben wird, benachteiligt oder bevorzugt werden. Aber von "vorgeblicher" oder "vermeintlicher" Rasse ist in diesem Text nicht die Rede. Anscheinend hatten die Mütter und Väter unserer Verfassung die Vorstellung, dass es Rassen gibt, und die Verfassungsrechtler und der Gesetzgeber sahen sich in den letzten 50 Jahren nicht genötigt, die Rasse aus diesem Katalog der Benachteiligungs- oder Bevorzugungsgründe auszunehmen oder von den anderen Gründen durch eine Spezifizierung abzuheben. Das ist auch einsichtig, denn es geht in dem ganzen Artikel ohnehin ganz zentral um das Verbot der Ungleichbehandlung von Menschen vor dem Gesetz, ganz gleich von welchen Unterscheidungsmerkmalen her sie begründet würde. Der Artikel 3 Abschnitt 3 des Grundgesetzes könnte demnach, auf unser Problemfeld hin eingeengt, so lauten: "Zwar gibt es menschliche Rassen, aber niemand darf, wie noch unter der Naziherrschaft, wegen seiner Rasse benachteiligt oder bevorzugt werden. Das für alle geltende Gesetz darf nicht rassistisch für oder gegen rassisch unterscheidbare Individuen oder Menschengruppen ausgelegt werden. Vor dem Gesetz sind alle Rassen gleich."