2.4.3. Die Entwicklung menschlicher Orientierungen

Inhaltsverzeichnis

2.4.3.1. Aktualgenese von Orientierungen
2.4.3.2. Ontogenese von Orientierungsfunktionen
2.4.3.3. Der Umgang von seelisch gesunden Menschen mit Fremdorientierungen

2.4.3.1. Aktualgenese von Orientierungen

Ein Mensch wacht auf, ausgeruht und wie neugeboren nach dem Scheintod des Schlafs; hatte er nicht gerade noch etwas geträumt? Die Traumfetzen schwinden schon, es war wohl nichts Besonderes. Mit dem Wacherwerden findet er sich in einem noch vagen Hier und Jetzt vor, er döst noch weiter. Doch plötzlich: da war doch was? Er stutzt. Hat sich hier irgendetwas gerührt? Nein, alles wie vorher. Und doch, da ist doch ein ungewohntes Geräusch. Da wird er vollends wach, hört genauer hin, richtet sich kurz auf, schaut sich auch um. Was war das eben? Offenbar doch nichts! Wo er nun mal wach ist, tut er selber irgendetwas, räkelt sich, gähnt, ohne recht darauf zu achten, ohne es sich überhaupt vorgenommen zu haben. Erst wenn etwas, was er zu tun begonnen hatte (den Wecker abstellen, die Nachttischlampe einschalten, die Hausschuhe suchen), nicht auf Anhieb klappt, auf irgendeinen Widerstand stößt, vielleicht auch nach einem weiteren Versuch nicht gelingt (der Wecker klingelt schon wieder!), erst dann fragt er sich ausdrücklicher: Was ist mir dazwischengeraten? Funktioniert das Gerät nicht mehr, oder habe ich etwas falsch gemacht? Das muss ich mir mal genauer ansehen, um herauszufinden, woran es lag.

Was diese aus realen Vorkommnissen rekonstruierte Szene deutlich machen soll, ist folgendes: erst wenn ein vage vorausgesetztes "Jetzt wie schon immer" von einer unerwarteten Besonderheit unterbrochen wird, erst wenn eine spontane Handlungsroutine nicht auf Anhieb gelingt, erst dann kommen (Re-)Orientierungsprozesse in Gang: noch einmal genauer hinschauen oder hinhören, die Handlung bewusster durchführen; und es sind zunächst Prozesse der Selbst- oder Eigenorientierung über die aktuelle Situation. Einen Ratgeber braucht man dafür nicht. Im Verlauf solcher Selbstorientierungsprozesse wird das eigene Handeln wacher und konzentrierter, denn erst angesichts unerwarteter Widerstände oder Schwierigkeiten kommt der Mensch dazu, sich bewusster etwas vorzunehmen, was er tun oder erlangen will, und es schließlich sogar unbedingt und mit Einsatz seines Willens herbeizuführen! Je nach seiner Bedürfnislage und nach der von ihm vorgefundenen Situation kann er dann planend überlegen nach dem Modus: wenn ich das erreichen will, nämlich vom gegebenen Zustand A in den gewünschten Zustand B zu kommen, wenn ich etwa von hier weg und nach dort hinkommen will, dann muss ich wohl dieses tun, oder möglicherweise auch jenes, nur nicht noch einmal das, was mich eben gerade nicht zum Ziel geführt hatte! Er nutzt dabei Erinnerungen an frühere Mittel und Wege, mit denen er ein Ziel erreicht (oder verfehlt) hatte, und versucht herauszufinden, wie er es hier und jetzt tun könnte. Auch dies gehört noch zur Selbst- oder Eigenorientierung, die in diesem Falle nur noch etwas bewusster abläuft. Sie zielt immer zunächst auf das Naheliegende, orientiert sich an dem ihm selbst Verständlichen (an den Selbstverständlichkeiten!), also an dem, worüber er schon einigermaßen gut orientiert ist. Und naheliegend ist für den Menschen allemal das, was ihm selbst in den Sinn kommt.

Erst wenn der Mensch mit seinen eigenen Orientierungsbemühungen nicht weiter kommt, sind - aushilfsweise - auch Möglichkeiten der Fremdorientierung, des Orientiertwerdens durch andere, gefragt. Dann kann man gezielter das Wissen, die Kenntnisse und Fertigkeiten anderer Personen in den eigenen Handlungsvollzug quasi als "Problemlösungsschleife" einschalten: z.B. einen Freund fragen oder um Hilfe bitten, sich erkundigen, was die Erfahreneren und Belesenen unter den Bekannten wissen, auch etwa die Nachbarn, die sich in einfachen Reparaturen auskennen und mit dem Computer umgehen können. Wer das Waldstück, in dem er spazieren gehen oder wandern möchte, nicht genügend kennt, achtet, um sich besser zurechtzufinden, auf Wegweiser, die jemand mal aufgestellt hat, oder er nimmt eine Wanderkarte zur Hand, die von Fachleuten erarbeitet worden war. Er könnte auch den nächsten besten Wanderer fragen, der ihm begegnet. Falls er einen trifft! Im Urwald kommt man mit einer in der Regel großformatigen Landkarte nicht aus. Wo kein Weg und kein Steg ist, daher auch keiner auf der Landkarte aufgezeichnet ist, braucht man einen erfahrenen Pfadfinder, möglichst einen, der gerade diese Gegend kennt "wie seine Westentasche". Bei schwierigeren Problemen erkundigt man sich also besser bei solchen Menschen, von denen es heißt, dass sie davon besonders viel verstehen und daher einen guten Rat geben können. Das kann ein erfahrener älterer Mensch sein, aber die Erfahrung ist hier wichtiger als das Alter! Wenn ich mehr vorhabe, als ich mit eigenen Ressourcen (Kenntnissen, Fertigkeiten, Kräften, Mitteln) bisher schaffen konnte, brauche ich schließlich Experten (manchmal recht junge!), die sich mit den Sachen auskennen, weil sie so etwas gelernt oder "studiert" haben und daher selber gut orientiert sind. Deren Selbstorientierung kann ich dann als willkommene Fremdorientierung nutzen. Aber ohne mein eigenes Wissen und Können, ohne mein eigenes Urteilsvermögen dabei auszuschalten! Ein Blinder muss zwar dem Menschen, von dem er sich führen lässt, in einem Mindestmaß vertrauen können; aber er überlässt sich nicht einfach der Führung, sondern vergleicht seine Eigenorientierung (das, was er schon über den Weg weiß oder gerade mitkriegt) mit der Fremdorientierung (wie ihn der Andere führt und was er über den Weg sagt). Er möchte ja nicht in die Irre geführt werden! Man muss also als Rat- und Hilfesuchender selber dafür Sorge tragen, dass die als Fremdorientierung verwendeten Informationen möglichst richtig und praktisch verwertbar sind, und es ist nicht verkehrt, dies gelegentlich mal mit Stichproben zu überprüfen oder überprüfen zu lassen. Unser Helfer und Gewährsmann mag redlich sein, also nicht mit Absicht lügen oder irreführen, aber vielleicht weiß er es nicht so genau und befindet sich selber auf dem Holzweg.

Um sich selbst (und ggf. Anderen) besser helfen zu können, sollte man nach insgesamt erfolgreichen Orientierungen Ausschau halten, etwa in einem modernen Lexikon oder Ratgeber nachlesen, was erfahrene Fachleute darüber wissen und empfehlen. In kompliziertere Problembereiche kann man sich auch vom Fachmann einweisen und in den zur Problemlösung notwendigen Fertigkeiten ausbilden lassen. Aber es gibt einiges, das man auch bei größter Anstrengung und guter Hilfe nicht oder nicht mehr so gut lernen kann, bis man dann selber genug Bescheid weiß und selber damit umgehen kann. Dann bleibt uns nur, den Fachmann zu bestellen und mit der Arbeit zu betrauen, der es dann für seinen Auftraggeber fachgerecht erledigt, gegen angemessene Bezahlung natürlich. Nur ein Beispiel dafür: an der eigenen Gasheizung sollte man nicht selber herumbasteln, bis das ganze Haus explodiert, und man darf es auch nicht; solche Reparatur ist und bleibt Sache des darin ausgebildeten und dazu befugten Installateurs. Gute Experten können recht genau einschätzen, was sie wirklich wissen und können, und auch was sie nicht so gut wissen und können. In diesen Fällen verweisen sie gern auf andere Fachleute. Der gute Ratgeber und Helfer weiß - und sagt es auch -, wer noch mehr über die Sache weiß als er selbst. Er sieht sich nicht als Experte für Alles! den gibt es nicht, kann es gar nicht geben. Der gute Ratgeber und Helfer setzt sich auch nur so lange für seinen Klienten ein, wie dieser seine Hilfe wirklich benötigt. Danach schaltet er sich wieder aus. Seine Hilfe ist im guten Sinne subsidiär, macht sich selbst überflüssig. Er bleibt auch selber ein Lernender: indem er andere orientiert, kann er seine Eigenorientierung verbessern und das besser Verstandene an Andere weitergeben.

Dagegen gibt es auch Ratgeber, die sich wichtig und unentbehrlich machen und den Glauben an ihren Rat oder ihre Kompetenz für wichtiger hinstellen als die tatsächliche Nützlichkeit ihres Rates für den Empfänger. Wenn ihr Rat nichts gebracht hat, schieben sie die Schuld gern auf den Ratsuchenden, der einfach nicht genügend an die Wirksamkeit der Hilfe geglaubt hatte. Was wäre zu halten von einem Ratgeber, dem es vor allem wichtig ist zu sagen: Ich bin dein Ratgeber, du sollst keinen anderen um Rat fragen, außer mir, damit es dir wohl ergehe!? Man könnte ihn für einen Scharlatan halten, der zu verhindern versucht, dass sein gar nicht so guter Rat mit anderen Orientierungsangeboten verglichen wird, die vielleicht nützlicher sind und weniger kosten. Versucht dieser Ratgeber zu erreichen, dass durch seine Monopolstellung die Unangemessenheit seines Hilfsangebotes und sein überhöhter Preis nicht offenbar werden soll? Es gibt "falsche Ratgeber", Menschen und auch Institutionen, denen es nicht ums Helfen, sondern ums Ausnutzen geht, um die Ausnutzung der Rat- und Hilflosigkeit Anderer, denen sie ihr letztes Geld abschwatzen für einen "Rat", der den Ratsuchenden zu wenig bringt, aber dafür zu viel kostet.

Notwendig ist daher die kritische Überprüfung von Orientierungssystemen, die vielleicht vorwiegend um ihren eigenen Machterhalt bemüht sind. Das gilt für alle Angebote weltanschaulicher oder religiöser Art. Die daraus sich ergebende Religions- und Ideologiekritik sollte nicht mit dem immer schon üblichen Schlechtmachen aller anderen Glaubensrichtungen durch die eigene verwechselt werden. Der Unterschied ist leicht zu erkennen: Ideologiekritik schließt Selbstkritik und die prinzipielle Akzeptierung des Bestehens anderer Ideologien ein; auch der Autor dieses Buches muss sich natürlich die Kritik durch andere gefallen lassen, mehr noch, er lädt ausdrücklich dazu ein, nach der Devise (leicht verändert nach dem 1. Gebot): Du sollst nicht nur ein Buch lesen, sondern solltest nach Möglichkeit noch andere Meinungen einholen, bevor du dir ein eigenes Urteil bildest!