2.4.6. Über Korruption

Inhaltsverzeichnis

2.4.6.1. Zur Anthropologie der Korruption
2.4.6.2. Juristische Probleme heutiger Korruption
2.4.6.3. Zur Individualpsychologie der Korruption
2.4.6.4. Zur Sozialpsychologie der Korruption
2.4.6.5. Schädlichkeit der Korruption
2.4.6.6. Wo in der Welt gibt es wenig Korruption

2.4.6.1. Zur Anthropologie der Korruption

In der Einladung zu dieser Veranstaltung ist eine Frage gestellt worden, für deren Beantwortung ich als Psychologe zuständig sein könnte: »Wie gingen und gehen erwischte Politiker und -innen mit der Aufdeckung des (Spenden-)Skandals um? Was passiert in ihren Köpfen? Wie reagieren wir, das Wahlvolk?« Ich ergänze: Wie reagieren die CDU- und FDP-Wähler? Bevor ich auf diese Fragen näher eingehe, möchte ich mich kurz mit der Geschichte der Korruption und ähnlicher Phänomene befassen.

Korruption ist zunächst zu definieren als eine höher entwickelte Form der Nächstenliebe und Solidarität. Diese Behauptung muss ich natürlich genauer erklären und kann das am besten unter Rückgriff auf die Biologie: Die Solidarität mit den Angehörigen der eigenen Familie ist zunächst biologisch begründet, sie entspricht dem sogenannten »Egoismus der Gene«: Lebewesen verhalten sich um so solidarischer mit anderen Lebewesen, je größer ihre genetische Übereinstimmung mit diesen und damit der Grad oder die Enge der Verwandtschaft ist. Am stärksten ist die Solidarität der Mütter mit den eigenen Kindern bis zu deren Geschlechtsreife, bzw. mit dem eigenen Sexualpartner, solange dieser zur Vermehrung der mütterlichen Gene beiträgt und sich darüber hinaus um den eigenen Nachwuchs kümmert. Wir können hier von einer ursprünglichsten Form der Nächstenliebe sprechen, die durch folgende Regel bestimmt ist: je näher verwandt, um so eher wird jemand gesucht, geschützt und versorgt.

Gegenüber dieser frühesten Stufe ist es schon ein deutlicher Fortschritt, sich nicht nur um die eigenen Kinder zu kümmern, sondern auch um die Kinder der eigenen Geschwister, z.B. die Neffen, und um die Kinder der eigenen Onkels und Tanten, z.B. um die Vettern. Der Nepotismus bzw. die Vetternwirtschaft ist eine altehrwürdige Einrichtung. In weiten Bereichen unserer Welt gilt jemand als herzlos, wenn er die Angehörigen seiner Großfamilie nicht an seinem Reichtum teilhaben läßt. Als Herrscher ist er gehalten, die höchsten Posten in Regierung, Militär, Wirtschaft, Polizei und Geheimdienst an seine Neffen und Vettern zu vergeben, denn diese sind nach den eigenen Kindern die Nächsten, die einen Versorgungsanspruch haben, und sie haben ein eigenes Interesse daran, den Einfluss und Reichtum der eigenen Sippe zu vermehren. Die Nächsten, also die eigene Mischpoke, zu lieben ist demnach ganz selbstverständlich. Wir brauchen kein Gebot, unsere Nächsten zu lieben; das tun wir schon aus eigenem, biologisch fundiertem Antrieb.

Es kann aber notwendig werden, diese Nächstenliebe zu begrenzen, um Raum für die Solidarität mit weniger eng verwandten Menschen zu schaffen. Ich denke dabei nicht gleich an die Fernsten oder an die ganze Menschheit, oder gar an das Reich des Lebendigen, aller Tiere und Pflanzen auf dieser Erde, sondern in einer nächsten Stufe erst noch an den Stamm, der in der Regel eine größere Zahl von Sippen umfasst. Die Stammessolidarität ist in der Regel verbunden mit einer Unsolidarität gegenüber allen anderen Stämmen. Dazu passt, daß der Gott, der das eine Volk auserwählt hat, z.B. die Israeliten, mit gleicher Entschiedenheit das andere Volk, die Kanaanäer, verwirft und ihr Land, das Land Kanaan, seinen Auserwählten zur Beute läßt. In dieser Weise sind Viehzüchter und Viehräuber untereinander solidarisch im Kampf gegen die Ackerbauern und im Ausplündern der von diesen gehorteten Vorräte, und sie sind unsolidarisch mit den von ihnen überwundenen Feinden und Gefangenen. Solcher Ethnozentrismus (Solidarität mit seinesgleichen verbunden mit Rücksichtslosigkeit gegenüber den »Fremden«) hat sich noch in den sogenannten Hochreligionen des Judentums, des Christentums und des Islam erhalten: Während die Glaubensbrüder zu unterstützen waren (bei den Christen ging das bis zu einem «Liebesgebot«!), konnten, durften und sollten die Ungläubigen sogar verfolgt und getötet werden, und das galt über viele Jahrhunderte hinweg. Die Ungläubigen waren den Gläubigen offenbar noch fremder und von ihnen noch weiter entfernt als das eigene Vieh, das gehegt und gehütet und gegen Viehräuber verteidigt wurde.

Die nächste Stufe der Solidarität erreichen wir mit den örtlich unterschiedlich großen Mengen der Menschen, die einander Gefälligkeiten erweisen können, und damit sind wir fast schon wieder bei der Korruption angelangt! Ihre jeweilige Anzahl ist schwer zu bestimmen und könnte auch je nach Einfluss des Machtzentrums ziemlich fluktuieren. Ich will aber versuchen, sie in einigen Schritten näher zu charakterisieren. Diese Menschen müssen im Mindestmaß über etwas verfügen, womit sie jemandem gefällig sein können: gute Beziehungen, bestimmte Ressourcen, nützliche Informationen, aber auch körperliche Kraft, Aggressivität und Sicherheit im Umgang mit Schusswaffen, Attraktivität und Schönheit, und letztlich Geld oder Leben. Das Erweisen von Gefälligkeiten ist auf Gegenseitigkeit angelegt, nach dem Prinzip »Eine Hand wäscht die andere«, oder in einer moderneren, aber etwas umständlicheren Formulierung: »Bei einer kollegialen Umarmung mit Bruderküssen beschmutzt eine Weste die andere«. Einander gefällig zu sein hat aber auch eine zeitliche Dimension. Denn derjenige, dem einer damals eine Gefälligkeit erwiesen hatte, sollte seinerseits schon deshalb gleichermaßen bereit sein, dem Gönner oder Helfer bei einer zukünftigen Gelegenheit gefällig zu sein. So ist neben dem Vergangenheitsbezug auch der Bezug auf die Zukunft wichtig: da kann einer jemandem jetzt eine Gefälligkeit erweisen, um damit die Chance zu erhöhen, daß dieser irgendwann in Zukunft sich dafür erkenntlich zeigen wird. Soweit es sich dabei um gleich starke und gleichwertige Personen handelt, die einander helfen, ist dies ein ganz natürliches und recht harmloses Phänomen. Jeder von beiden hat eigentlich schon genug, aber sie können sich gegenseitig noch etwas zuschanzen, von dem sie beide (wie in einem Nicht-0-Summen-Spiel) profitieren können. Es gibt Menschen, denen gern Gefälligkeiten erwiesen werden, weil es sich immer mal wieder lohnt, ihnen gefällig gewesen zu sein.

Eine weitere wichtige Bedingung ist, daß solche Leute einander kennen oder zumindest ohne weiteres einander kennen lernen können, ggf. über Empfehlungen oder Empfehlungsschreiben. Das lässt die Vermittler wichtig werden, die vielleicht glücklicherweise gerade dann, wenn es dringend nötig wird, hinter vorgehaltener Hand sagen können: »Du, ich kenne da einen, der dir gefällig sein könnte«. Die mehr oder weniger große Gruppe derer, die einander kennen und einander Gefälligkeiten erweisen können, wird in Köln als »Klüngel« bezeichnet, und deshalb ist oft vom »Kölner Klüngel« die Rede. Es soll auch der eine oder andere Beichtvater darunter sein. Nach der Familie, der Sippe und dem Stamm könnte man den Klüngel als Solidargemeinschaft vierter Art bezeichnen. Es genügt aber nicht, daß Menschen gefällig sein können und daß einer solche Menschen kennt. Unter denen, die man kennt und die einem eine Gefälligkeit erweisen könnten, sind diejenigen am leichtesten dazu zu motivieren, dies auch wirklich zu tun, die dem auf Gefälligkeiten Angewiesenen oder wenigstens dem Vermittler irgendwie verpflichtet sind, z.B. weil man ihnen schon mal gefällig war. So jemand ist dann gehalten, diese Gefälligkeit in der einen oder anderen Weise zu erwidern, und er sollte auch bereit sein, seine Ressourcen zur Zufriedenheit seines Partners einzusetzen.

Aber auch ohne eine solche gemeinsame Vorgeschichte kann jemand zur Gefälligkeit verpflichtet werden: Sie kennen wahrscheinlich diese Formulierung: »Wir werden ihm ein Angebot machen, das er nicht abschlagen kann«. In diesem Falle wird das innere Motiv des Anderen durch äußeren Druck auf ihn ersetzt; wenn es nicht anders geht auch mal mit der Drohung, ihn selber oder seine liebsten Nächsten, das kann auch sein teuerstes Rennpferd sein, zu entführen, zu quälen oder einfachheitshalber zu töten. So kann Nächstenliebe genutzt werden, um jemanden mit Erpressungen zum Erweisen von Gefälligkeiten zu motivieren. Es kann für die nächsten Angehörigen und für einen selber lebensgefährlich sein, wenn man nicht tut, was der Mächtige von einem erwartet. Da lässt man sich wohl besser korrumpieren, in einer Korruption des eigenen Gewissens durch Druck und Zwang von oben. Wer denkt da nicht an die Mafia? Oder, im kleineren Maßstab, an Bonn oder Frankfurt und Wiesbaden! Es kann also für den Schwachen bzw. Armen lebenswichtig sein, dem Starken bzw. Reichen zu Diensten zu sein, um z.B. durch die Übernahme von Dienstpflichten den Stärkeren zum Beschützer zu gewinnen. Solche asymmetrischen Beziehungen gibt es seit alters her, vor allem in den ans Mittelmeer angrenzenden Gebieten (nicht nur in Sizilien und Kalabrien!) und im Orient, nämlich Beziehungen zwischen Patron und Klient (heute sagt man: zwischen dem Paten und dem, der ihm zu Dank verpflichtet ist, oder der einfach selber Mitglied der Familie oder der ehrenwerten Gesellschaft ist). Derartige Patronatsverhältnisse gab es schon in der Zeit, in der Jesus lebte, und so ist es nicht zu verwundern, wenn John Dominic Crossan in seinem Buch »Der historische Jesus« (Beck, München, 1994) auf den Seiten 104 - 118 ausführlich darüber berichtet.

Bei asymmetrischen Beziehungen können wir zwei Richtungen der Korrumpierung unterscheiden: die erste, und früher allgemein übliche, bestand darin, daß die Schwachen den Mächtigen etwas gaben (opferten), um von diesen verschont, geschützt, gefördert oder bloß vertröstet zu werden. Dazu dient vergleichsweise auch das Zahlen von Zöllen an Wegelagerer, von Lösegeld an Kidnapper, von Steuern an den Staat, von Ablassgeldern und Spenden an die Kirche, und natürlich auch das Darbringen von Opfern an den Mächtigsten der Mächtigen, an Gott. Diese verschiedenen Beziehungsarten sind aus dem gleichen Boden gewachsen, haben aber über die Jahrhunderte eine Zivilisierung erfahren: es gibt Gebühren, die wirklich den Arbeitsaufwand entgelten, und Preise, die dem Wert der Ware entsprechen, sodass man in diesen Fällen nicht mehr von Geldschneiderei oder Ausnutzung von Notlagen sprechen kann.

Die zweite Korrumpierungsrichtung gibt es auch schon seit jeher, jedenfalls im Orient: das Spenden von Almosen an Bettler (die einen dann in Ruhe lassen und sogar rühmen) und das Zahlen von Bakschisch oder Trinkgeld für eine Vorzugsbedienung, mit fließenden Übergängen zur Bestechung von Amtsinhabern. Vor allem im letztgenannten Falle geht es um z.T. nachträgliche, z.T. auch vorsorgliche Zahlungen zum Erwirken von möglichen Vorteilen: man »wirft mit der Wurst nach der Speckseite«! Bei solchen Transaktionen sollte man nicht mit festen Preisen rechnen. Wie viel jemand zum Erlangen einer Gefälligkeit zu bieten hat, muss zumindest in einem mittleren Bereich, in dem die Interaktionspartner nicht allzu ungleich in ihrer Macht sind, erst ausgehandelt oder ausprobiert werden. Da baut die Korruption auf der weltweit verbreiteten Praxis des Feilschens auf: während aber auf dem Markt laut und öffentlich gefeilscht wird, mit theatralisch hochgeschraubten Forderungen und ebenso theatralisch heruntergeredeten Angeboten, bis zur Einigung irgendwo in der Mitte, wird in der echten und gehobenen Korruption eher leise verhandelt, möglichst ohne Zeugen, möglichst ohne verräterische schriftliche Belege, und nur unter der Aufsicht und Beratung durch erwiesenermaßen korrupte Rechtsanwälte. Nicht nur Sizilianer sind zur Omerta verpflichtet. Ausplappern oder gar Anzeigen kann auch anderswo gefährlich werden und sogar das Leben kosten. Zwar sind alle diese Praktiken weltweit verbreitet, aber es gibt doch Schwerpunkte, wo die Korruption besonders gang und gäbe ist: zu nennen wären hier nach neueren Statistiken an erster Stelle Nigeria und andere, auch mittelamerikanische Bananenrepubliken, aber auch Staaten wie Indonesien, Indien, Ägypten, die Türkei, und anscheinend auch das Land Hessen.