2.4.7. Übertreibende Extremalisierungen

Inhaltsverzeichnis

2.4.7.1. Überschwang der Gefühle
2.4.7.2. Übertreibendes Sprechen und Denken
2.4.7.3. Verdeutlichung durch Groteske, Karikatur und Satire
2.4.7.4. Kitsch als manipulative Übertreibung

2.4.7.1. Überschwang der Gefühle

Wenn ich dem Gesamtkapitel ganz bewusst die leicht abschätzige Überschrift "Übertreibende Extremalisierungen" gegeben habe, so muss ich vorweg dem möglichen Missverständnis begegnen, die darin implizierte Kritik richte sich etwa gegen kindliche Ausgelassenheit oder jugendlichen Übermut. Das ist mit dem Wort "Übertreibung" sicher nicht gemeint. Schon kleine Kinder können, ähnlich wie auch wohlbehütete Jungtiere, ausgelassen herumtollen, solange sie Lust und Kraft dazu haben und noch nicht wieder hungrig oder irgendwann ganz schnell müde geworden sind. Nur durch strenge Dressur sind sie zum wohlgesitteten Stillsitzen oder gar Händefalten zu bewegen, und auch das nicht über längere Zeit. Ein solcher ganz natürlicher Bewegungs- und Betätigungsdrang verstärkt sich noch einmal in der Pubertät. Das laut dröhnende Reden, Grölen und Rülpsen pubertierender Jungen und das in gegenseitiger Ansteckung verstärkte Gegiggel der gleichaltrigen Mädchen kann zwar manchmal auf den Nerv gehen, aber es sollte als phasenspezifische Munterkeit verstanden und in Grenzen hingenommen werden. Man sollte sich eher Sorgen um zu stille und bewegungsarme Kinder oder Jugendliche machen, die nicht mehr so recht lachen und schon gar nicht mehr über die Stränge schlagen können. Es hat übrigens einen guten, biologisch begründbaren Sinn, dass Lachen (ähnlich auch das Gähnen!) ansteckend ist. Die Ansteckungswelle kann von einer einzelnen Person ausgehen, aber erst recht von einer größeren Gruppe, die den Einzelnen in ihre Lachstimmung hineinzieht. Es ist sogar leider üblich, mit den Mitteln einer "Lachmaschine" (auf Tonband konservierte und nach einer Pointe abgespielte Lachsalven) den zuvor noch unbeteiligten Zuschauer zum Mitlachen zu bewegen, sogar wenn er den Witz gar nicht verstanden hatte. Ebenso ansteckend können Schimpf- und Hassgesänge (z.B. aus der Torkurve eines Fußballstadions) sein und weitere Gruppen zum Mitgrölen anregen. Wer sich von lauten kindlich-jugendlichen Lebensäußerungen belästigt fühlt oder die Massenerregung von fußballbegeisterten Erwachsenen nicht ertragen kann, der kann ja die Orte, wo sie wahrscheinlich aufkommen oder von Medien übertragen werden, meiden und sich in ruhigere Bereiche begeben. Aber auch ältere Leute können es schaffen, solchen Überschwang eine Zeit lang einfach hinzunehmen, vor allem wenn sie selber eine positive Beziehung zu den sportlich Begeisterten haben, etwa zu den eigenen fußballspielenden Kindern oder Enkeln. Sie können ihnen beim Fußball-Turnier die Daumen drücken und nach dem Abpfiff sich von ihrem frenetischen Siegesjubel anstecken lassen oder ihnen wenigstens einen anerkennenden Beifall schenken.

Es ist auch nichts gegen herzliche Wiedersehensfreude und lautstarke Bekundung einer freudigen Überraschung einzuwenden. Es ist gut, wenn Menschen, aus welchem Anlass auch immer, sich von Herzen freuen und mit Leib und Seele begeistern können. Starke und zugleich gute Gefühle auch äußern zu können und zu dürfen, und im Überschwang der Gefühle auch einmal die üblichen Grenzen der Zurückhaltung weit zu überschreiten, das gehört zum menschlichen Leben und sollte nicht als "übertrieben" diffamiert werden. Über Jahrhunderte unterlag der ganze Bereich der Sexualität einem strengen religiösen Tabu, weil alles sexuell Sinnliche vom Christentum zur vergebungsbedürftigen Sünde erklärt worden war. Insbesondere das Hochgefühl des Orgasmus wurde in die Sprachlosigkeit verbannt, oder höchstens als Untersuchungsobjekt einer hochnotpeinlichen Beichtbefragung zugelassen. Heute sind es andere starke Gefühle, deren sich manche Menschen meinen schämen zu müssen. Die Ergriffenheit beim gemeinsamen Singen (oder sogar nur Hören) einer Hymne oder das Angerührtsein von einer festlichen Stimmung gehört dazu, und auch die weihevolle Stille einer Totenehrung kann Menschen tief bewegen. Es ist für die Hinterbliebenen hilfreich, wenn sie ihre tiefe Trauer auch äußern können und von anderen Menschen darin respektiert werden. Es gibt einfach starke Gefühle, und es ist gut, sich selber mit Leib und Seele solchen Gefühlen hingeben zu können.

Dazu gehören auch "negative" Emotionen, wie die Wut über selbst erlittenes Unrecht und der Zorn über ein Unrecht, das anderen Menschen angetan wurde. Beides sollte nicht als "Aggressivität" schlecht gemacht werden, weil damit das Tabu der Sexualität nur von einem anderen Tabu abgelöst würde. Wenn jemand sich über Schlimmes aufregt, etwas mit Nachdruck missbilligt, sich gegen etwas erbittert verteidigt, dann sollte dies alles nicht unterschiedslos als "aggressiv" verteufelt werden. Menschen haben ein Recht auf Selbstbewahrung und Selbstschutz, so wie auch im deutschen Strafgesetzbuch die Tötung eines Menschen aus Notwehr keinesfalls die gleiche negative Qualität wie der Totschlag oder gar der Mord hat. Das gilt auch im größeren Maßstab internationaler Auseinandersetzungen, wo zwischen der bewaffneten Selbstverteidigung und einem Angriffskrieg durchaus zu unterscheiden ist, wenngleich viele Angreifer, z.B. Adolf Hitler vor dem Überfall auf Polen, sich als Angegriffene hinzustellen versuchen. Aber wenn die realen Größenverhältnisse keinen Zweifel aufkommen lassen, etwa wenn ein kleines Land wie Finnland sich gegen eine anscheinend übermächtige Sowjetunion mit allen Kräften zur Wehr setzte, dann haben die Verteidiger alle Sympathien auf ihrer Seite.

Aber ob überschäumende Lust oder heiße Wut, ob positive oder negative starke Gefühle, dies alles ist mit dem in der Überschrift dieses Kapitels verwendeten Wort "Übertreibung" nicht gemeint! Denn das bisher Aufgezählte kann ja in seiner Spontaneität und auch Intensität dem jeweiligen Anlass und der Situation voll und ganz angemessen sein. Dagegen ist das gezielte Übertreiben eines Verhaltens, das berechnende Aufbauschen und Eindruckschinden etwas ganz Anderes. Aber bevor ich auf die Übertreibungen im engeren Sinne näher zu sprechen komme, möchte ich noch die eine oder andere Art von Ausdrucksverstärkung diskutieren, die nicht mit der Negativität der typischen Übertreibung behaftet ist. Denn ich will den Fehler vermeiden, selber in übertriebener Weise alle Arten von Extremalisierungen über den gleichen Kamm zu scheren und als gleichermaßen übertrieben hinzustellen.