2.4.8.2.2. Wer braucht Orientierungshilfen?

Besonders wenn es nicht nur diagnostisch um die Klärung, sondern therapeutisch auch um die Korrektur der Orientierung geht, dann ist es unvermeidlich, auch nach der Richtung der Korrekturen zu fragen (S. 152). Aber gibt es überhaupt eine richtige Orientierung? Dagegen steht die Verschiedenheit der Menschen und der Situationen, in denen sie leben und sich zurechtfinden müssen. Eine erste Verallgemeinerungsmöglichkeit bietet uns dennoch die Erkenntnis, dass das Streben nach Selbstorientierung ein elementares menschliches Bedürfnis ist, so dass es schon helfen könnte, die Möglichkeit der Selbstorientierung gegenüber den von Fremdorientierungen ausgeübten Zwängen zu betonen und zu fördern. Im Kapitel 4.3. (Die Entwicklung menschlicher Orientierungen) habe ich mich eingehender mit der Entwicklung der Selbstorientierung befaßt: im Abschnitt "Ein Kind wird geboren ..." mit dem Vorrang der eigenen Wahrnehmung des Säuglings vor den erst später hinzukommenden Orientierungsangeboten der Beziehungspersonen, und im Abschnitt "Ein Mensch wacht auf ..." mit dem Wiedereinsetzen von Selbstorientierung nach der vorübergehenden Desorientiertheit des Schlafenden, die in den Traumphasen bestand. Als Ergänzung dazu möchte ich zunächst noch den Gedanken der Kreitlers anführen, dass "die Entwicklung der menschlichen Intelligenz unter anderem in der wachsenden Fähigkeit besteht, gleichzeitig (H. Sch.: und sukzessiv) immer mehr und mehr Aspekte bei der Beurteilung eines Phänomens zu berücksichtigen" (S. 146). Ohne die Fähigkeit, die Dinge und Menschen in ihren mannigfaltigen Zusammenhängen und in ihrer Vielschichtigkeit zu erfassen und zu verstehen, sei eine adäquate Orientierung in unserer Gesellschaft unmöglich (ebd.). Aber darüber hinaus ist es schon für ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen nützlich, nach gemeinsam verbindlichen Orientierungen zu suchen und daher weltanschauliche Angebote auf ihre soziale Angemessenheit hin zu überprüfen.

Aber bevor ich näher darauf eingehe, in welcher Richtung weltanschauliche Alternativen gesucht werden könnten, möchte ich auf eine naheliegende Einschränkung hinlenken: Wer im Gelände schon gut Bescheid weiß, braucht eigentlich weder Wegweiser noch Landkarten. Den Weg bis zum nächsten Dorf kennt er und wird ihn wieder finden. Wenn wir dieses Bild in unsere abstrakteren Überlegungen zurückübertragen, dann heißt das: Wer sich selber orientieren kann, benötigt eigentlich keine allumfassende (z.B. religiöse) Fremdorientierung. Viele Menschen kommen ohne eine solche aus, wenn nur gewährleistet ist, dass sie sich in ihrem eigenen engeren Umfeld einigermaßen zurechtfinden können. Auch Kinder brauchen sie nicht. Denn das kleine Kind kann ja ganz allmählich, schon durch das Sprechenlernen, eine erste Vororientierung von seinen Eltern, Erziehern und Lehrern und auch von anderen Kindern aufnehmen und sich zu eigen machen und immer weiter ausbauen. Für eine weltanschauliche bzw. religiöse Gesamtorientierung gibt es beim Kleinkind, dessen Welt noch sehr begrenzt und vergleichsweise übersichtlich ist, noch keinen Bedarf. Ein Orientierungsangebot sollte jedoch nicht zu weit über die Orientierungsbedürfnisse hinausgehen, sollte nicht zu einer Überorientierung führen. Vergleichen wir dies mit einem Parallelfall: Im Versicherungswesen kennt man den Begriff der Überversicherung. Da werden einem unkundigen Laien Versicherungen angedreht für Risiken, die entweder im Ausmaß gering oder überaus selten sind oder aber durch früher abgeschlossene Versicherungen schon längst abgedeckt sind, und dies mit dem Effekt, dass die Überversicherung auch ein Übermaß an viel zu hohen Versicherungsbeiträgen erforderlich macht.

Die Fremdorientierung sollte daher prinzipiell eher unterstützend (subsidiär) angeboten werden, nämlich so, dass sie die Selbstorientierung nicht aufhebt, sondern in denjenigen Bereichen ergänzt, wo eigene Kenntnis zur Handlungsbegründung nicht mehr ausreicht. Unterstützende Orientierung brauchen somit eher nicht die seelisch gesunden Erwachsenen, sondern vor allem solche Menschen, deren Selbstorientierung noch nicht, oder aus Krankheitsgründen und wegen anderer Umstände nicht genügend, oder irgendwann nicht mehr ausreichend funktioniert. Fangen wir mit dem harmlosesten Beispiel an: In einem gewissen Maße wenigstens vorübergehend orientierungsbedürftig ist jeder durchreisende Fremde, dessen Vorinformationen oftmals nicht ausreichen und der dann froh sein kann, im noch fremden Land verlässliche Informanten zu finden. Aber vor allem wenn er als Einwanderer auf Dauer in einem ihm bisher fremden Land leben und arbeiten möchte, ist es für ihn unumgänglich, recht bald (oder möglichst vorweg!) die Sprache des Aufnahmelandes zu erlernen und sie schließlich beherrschen zu können, und sich über die in diesem Lande selbstverständlichen Gepflogenheiten, Regeln und Gesetze zu informieren und zu diesem Ziel Hilfen in Anspruch zu nehmen. Es wäre auch einfach zu gefährlich, in einem Land mit Rechtsverkehr partout links fahren zu wollen, nur weil man es einmal so gelernt hat und für eigentlich richtig hält!

Noch dringlicher ist eine unterstützende bzw. kompensierende Orientierung in den Fällen, in denen jemand auf Dauer in spezifischer Weise orientierungsbehindert ist. Deshalb sollte der Gehörlose schon als Kind die (internationale) Gebärdensprache lernen, um sich auch ohne Hörhilfen oder bei totaler Taubheit wenigstens mit Gehörlosen ohne schriftliche Umwege verständigen zu können. Der Blinde profitiert sicher davon, wenn er sich nach einiger Einübung auf den Fußwegen seiner Stadt mit dem Langstock frei bewegen kann, und wenn er schriftliche Informationen mit Hilfe der Braille-Schrift austauschen kann oder mit Geräten, die Schrift in elektronisch generierte Lautsprache umsetzen können. In noch viel höherem Maße brauchen die von Geburt an oder nach Unfall oder Erkrankung geistig behinderten Menschen nicht nur Orientierungshilfen, sondern orientierende Helfer, um in unserer immer komplizierter werdenden Welt ohne Selbst- und Fremdgefährdung leben zu können. Auch bei akut fehlorientierten (verwirrten, durch Suchtmittelgebrauch geistig beeinträchtigten, durch Milieueinflüsse an der normalen Selbstorientierung gehinderten) Menschen ist eine solche personale Orientierungshilfe, ggf. auch in "aufsuchender" Hilfe, dringend angezeigt.

Ein Mindestmaß an korrektiver Fremdorientierung könnte nützlich sein auch für schizophrene Patienten, die offensichtlich Schwierigkeiten mit der Selbstorientierung in der sozialen und dinglichen Umwelt haben. Sie sollten sich durch solche Hilfen nicht nur besser zurechtfinden können (ohne Selbstisolierung und ein diese noch verstärkendes Abgelehntwerden), sondern sie sollten nach Möglichkeit auch weniger schizophren sein müssen, also weniger von psychotischen Symptomen wie Stimmenhören und Verfolgungswahn beeinträchtigt sein. Aber dazu sollten ihnen Orientierungshilfen angeboten werden, die möglichst klar und eindeutig, zur Güterabwägung und Handlungsbegründung geeignet und insgesamt lebbar und realitätsnah sind. Dies alles wird, man muss es so deutlich sagen, von den monotheistischen Großreligionen und Amtskirchen nicht geleistet. Man sollte daher den Schizophrenen nicht anlasten, dass sie solche religiösen Orientierungen "zu eng, zu starr und zu extrem anwenden und zu wenig verarbeiten", sondern sollte stattdessen versuchen, ihnen realitätsnähere Gesamtorientierungen anzubieten, die auch "unverarbeitet", "uninterpretiert" und "unabgeschwächt" dem Schizophrenen das Zurechtfinden in seiner verwirrt-fragmentierten Welt erleichtern. Suchen wir also möglichst schon vorweg das Misslingen von Selbst- und Fremdorientierung abzuwenden, und andernfalls gangbare Wege aus dem schizophrenen Scheitern zu finden, und gleichzeitig die Ausnutzung der Orientierungsbedürftigkeit der Kranken durch ungebetene Helfer, z.B. aus dem Bereich der "Scientology Church", zu verhindern.