2.4.8.2.4. Mögliche Ziele solcher Korrekturen: Der seelisch Gesunde als Modell?

Wenn es um die Richtung ging, in welche die Änderung der weltanschaulichen Fehlorientierung zielen sollte, konnte zunächst auf die Ergebnisse rekurriert werden, die der Befragung der gesunden Versuchspersonen entnommen werden konnten. Aber nur in erster Annäherung an eine tatsächlich größere Vielfalt kann gesagt werden, dass eher "jene weltanschauliche Orientierung als gesund oder normal (erachtet werden kann), die sich bei der großen Mehrzahl aller Menschen des gleichen Kulturkreises vorfindet" (S. 152). Im Folgenden soll es daher noch einmal um die Art der weltanschaulichen Orientierungen gehen, die den Kreitlers in ihrer Untersuchung ihrer seelisch gesunden Kontrollgruppe aufgefallen war. Zunächst die Fehlanzeige: Alle die bei Schizophrenen so auffallenden extremalisierenden Orientierungen, in denen es um den "besten" Menschen, die "strenge" Einhaltung der Verbote, die "absolute" Freiheit, die "glänzende" Karriere, die "ideale" Welt, die "total wichtige" Aufgabe im Leben, und um den "voller Ernst" bedachten Tod ging, fehlten in den Äußerungen der Kontrollgruppe (S. 125). Die seelisch Gesunden gingen mit all diesen Idealen und Forderungen viel lässiger um, so dass bei ihnen von einer geschlossenen und streng verpflichtenden Weltanschauung eigentlich gar nicht die Rede sein konnte. Denn nicht das normativ tradierte und schriftlich festgelegte Ideengut selbst (die Sitten und Gesetze, die Ideen und Ideale der Religion und Philosophie), sondern seine in jeder neuen Generation durchschnittlich vorfindbare Umsetzung bildet bei ihnen die faktisch wirksame weltanschauliche Norm, die jeweils gegenwärtig übliche Weise, sich angemessen zu verhalten (S. 144). Gemessen an den ethisch strengen Auffassungen der Schizophrenen hatten manche Bemerkungen der seelisch gesunden Versuchspersonen geradezu den Charakter eines Sakrilegs (S. 67), und die Art, wie sie über "Triebbeherrschung" und "Tabus" sprachen, demonstrierte "einen kräftigen Schuss jenes ethischen Leichtsinns, der für ein halbwegs normales Leben in der Gesellschaft erforderlich zu sein scheint" (S. 79).

Im Einzelnen sind die Gesunden so realistisch, gewisse Beschränkungen der menschlichen Freiheit anzuerkennen (S. 80), und sie neigen dazu, "den Tod in eine so ferne Zukunft zu verschieben, dass er keine reale Beziehung zur unmittelbar erlebten Gegenwart hat" (S. 111). Die Gesunden sind offenbar eher dafür, das ohnehin nicht positiv lösbare Problem des eigenen Todes einfach zu vertagen. Für die Gesunden war insgesamt kennzeichnend, "Kompromisse zu schließen, Gegensätze abzuschwächen und das, was nicht abgeschwächt werden kann, zu ignorieren" (S. 145). Statt nur über das ideale Ziel selbst nachzudenken, befassen sie sich direkter mit dem einen oder anderen faktisch beschreitbaren Weg dort hin; gegenüber dem Sollen berücksichtigen sie auch genügend, ob einer das Gesollte überhaupt realisieren kann. Sie konzentrieren ihre intellektuellen Energien auf das Finden und Anwenden von wirksamen Mitteln, sie suchen und wählen einen zielführenden Weg, und zwar bevorzugt einen, der sie in absehbarer Zeit zu Nahzielen führt, während sie über Fernziele weniger nachdenken (S. 103/104).

Natürlich ist auch den seelisch Gesunden schon in ihrer Kindheit, durch Erziehung und durch den gesamten Kulturbetrieb, so etwas wie eine "weltanschauliche Landkarte" vermittelt worden. Sie neigen aber dazu, diese an der nächsten Abzweigung oder Kreuzung, also in Entscheidungssituationen, auf ihre Verwendbarkeit zu prüfen und durch Korrekturen den Gegebenheiten anzupassen. Man könnte dies als gesunde Skepsis bezeichnen, noch in dem alten positiven Sinne des griechischen Wortes: sich selber umschauen, sich ein eigenes Urteil bilden und so seinen eigenen Weg finden. So ist ihnen "der Sinn des Lebens" auch nichts Vorgegebenes, sondern er ergibt sich für sie aus dem gelebten Leben selbst (S. 111), baut sich aus dem auf, was ohnehin naheliegend ist. Dabei spielt für sie das Miteinanderleben eine große Rolle. Weltanschauung ist für sie "ein Konzept, das durch eine Gruppe von Menschen in Zusammenarbeit und gegenseitiger Beeinflussung und mit Rücksichtnahme auf die Gruppe realisiert wird" (S. 145), und zwar keineswegs einheitlich. Spätestens nach diesem Plädoyer für Pluralität sollte es klar sein, dass es "die" Weltanschauung der seelisch Gesunden als Ganzes nicht gibt und nicht geben kann. Eher schon gibt es eine gesunde Art, die Welt so oder vielleicht auch anders anzuschauen. Die Gesunden orientieren sich weitgehend an dem, was den Menschen ihres sozialen Umfeldes im Laufe der Zeit selbstverständlich geworden ist, ob es nun in heiligen Büchern geschrieben steht oder nicht.

Aber genügt das? Sind Mehrheitsmeinungen immer auch schon vernünftig, oder könnte es doch einmal geschehen, dass ein ganzes Volk oder eine religiöse Gemeinschaft gemeinsam in die Irre geht, vergleichbar den sagenhaften Lemmingen, die der - schon durch falsche Führer desorientierten - Spitze des Zuges blindlings nachfolgen und mit dem ganzen Haufen im Meer versinken? Die Geschichte hat uns belehrt, dass auch ein ganzer Kulturkreis, vorübergehend auch eine ganze Nation, z.B. die deutsche, von einer menschenfeindlichen Ideologie oder Glaubensrichtung quasi infiziert, schweres Leid verursachen und auch selber leiden kann. Dann verlieren auch Mitläufer ihre "normale" Harmlosigkeit. Aber selbst unter der zeitweiligen Alleinherrschaft von Fanatismen kann sich im Untergrund eine gewisse Heterogenität religiös-weltanschaulicher Orientierungen erhalten. Aber auch dann bleibt die Frage: Reicht das Abwehrenkönnen von extremalisierten Idealen schon für eine "gesunde" Selbstorientierung aus? Daran habe ich starke Zweifel. Es gibt nämlich in Hinsicht auf Orientierungen nicht nur das "Mehr- und Zuviel-Desselben" (Watzlawick), sondern auch ein "Zuwenig", eine schädliche Orientierungslosigkeit (einer Unterversicherung entsprechend), oder eine Minimalorientierung, die den Menschen auf die schlichte Befriedigung eigener Überlebens- und Genussbedürfnisse reduziert und Gemeinschaftliches und andere Werte verfehlen läßt. Es gibt bei ansonsten seelisch gesunden Menschen auch eine "scheißegal"-Einstellung, die mit den "verrückten" Orientierungen auch die vernünftigeren verwirft und sich auf das kurzschlüssig-egoistische Verfolgen eigener Nahziele bis zum unkontrollierten Konsum von Genuss- und Rauschmitteln beschränkt. Wenn alles gleichermaßen sinn- und zwecklos ist, dann ist es schließlich auch egal, ob man sich auf Alkohol, Cannabis, Cocain oder Exstasy einlässt, dann wird Steuerhinterziehung, Korruption und Staatsausnutzung legitim, dann orientiert sich der Libertäre an einem Manchestertum, das als treibende Kraft in Wirtschaft und Gesellschaft nur den Egoismus des Einzelnen oder seiner Gruppe kennt: "Nach uns die Sintflut!"