2.4.10.2.2. Die religiöse Bedeutung solcher Wörter 

Schon gemeingermanisch, also vorchristlich, war von der gleichen Wurzel „heil“ ein religiös aufgeladenes Adjektiv „heilig“ mit den Bedeutungen „(durch Zauber oder Beschwörung) heilbringend, göttlich, geweiht, geehrt“ abgeleitet worden. Von der etymologischen Analyse der Herkunft von Wörtern wie „Heil“ können wir nun zu der Frage nach den Bedeutungen übergehen, die uns in den Bereich der Religionsgeschichte führt. Die Heiligkeit eines Menschen wurde ursprünglich, in den alten Hochkulturen und auch in der Welt der Germanen, im Sinn der Unversehrtheit als Geblütsheiligkeit verstanden, also als zu bewahrende Abstammung eines Menschen und seiner Verwandten von einem Gott oder einer Göttin. Diese Heiligkeit begründete wiederum das Charisma eines hervorragenden Menschen und seine auf Sippe und Herrschaft ausstrahlende Kraft. In vielen Mythen tritt ein Heilsbringer als urzeitlicher Bote eines Hochgottes auf, um den Menschen Nahrung, kulturelle Errungenschaften wie das Feuer und schließlich ethische und rechtliche Normen zu
vermitteln. Er wurde wie ein Heros verehrt, so dass auch von einem Kulturheros die Rede sein kann. Seit der Völkerwanderung wurde dann stärker das auf eigener Leistung beruhende
charismatische Heil siegreicher Helden (z. B. der Heerkönige) betont.

Anfangs wurde im Griechischen das Wort „heros“ noch in der Bedeutung von „Krieger“ oder „Held“ verwendet, später für den nach wunderbaren Taten im Krieg Gefallenen oder in anderer Weise ruhmreich Verstorbenen, so für den Ahnherrn eines der Geschlechterverbände der ältesten Zeit oder in historischer Zeit für Stadtgründer und Könige. Nach dem Tode des Heros wurde ihm zu seiner besonderen Verehrung ein Kult gewidmet. Die Kulte für die einzelnen Heroen waren durchweg lokal begrenzt und waren den Angehörigen primärer Gesellungen (Sippen, Stämme) vertrauter als die allgemeiner verbreiteten Kulte der olympischen Götter. Zu Ehren der Heroen wurden vielerorts kultische Spiele aufgeführt, und das zur Kultstätte und zum Heiligtum erhobene Grab mit den Gebeinen oder der Asche des Heros verbürgte den Weiterbestand der Gemeinschaft oder Stadt.

Der Heroenkult, der oftmals den Totenkult für einen König fortsetzte, konnte sich dann zum Götterkult weiter entwickeln. So wurde Äskulap, ursprünglich ein Heil-Heros, später zum Gott erhoben. Umgekehrt konnte ein Gott, der an allgemeiner Bedeutung verloren hatte, lokal als Heros weiter verehrt werden. Somit nahm der mythische Heros zwischen Menschen und ihren Göttern eine Zwischenstellung als götterähnlicher Held oder Halbgott ein. In späteren Zeiten war der Heilige in einer ähnlichen Zwischenposition und konnte auch als Mittler zwischen den Menschen und ihrem Gott in Erscheinung treten, ja sogar selber zur Göttlichkeit erhoben werden, wie es dem Propheten Jesus von Nazareth ergangen ist.

Sprachenübergreifend hat die Religionswissenschaft festgestellt, dass Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten und Gelegenheiten unterschiedliche Sachverhalte, Personen und Dinge als heilig verstanden. Dabei bestand oft eine durchgehende Dichotomie von heilig und profan, wobei das Heilige als unantastbar galt und durch Berührungstabus rein zu halten war, dagegen das Profane nicht nur neugierig angetastet, sondern ohne Bedenken sogar mit schmutzigen Händen gehandhabt werden konnte. In allen Religionen, auch den animistischen und polytheistischen, spielt die Heiligkeit von Wesen (Geistern oder Gottheiten), Orten, Handlungen und Dingen eine zentrale Rolle, insbesondere in der Offenbarung des Heiligen, in der Hierophanie, also in der den Menschen erschütternden oder beseligenden Begegnung des Menschen mit dem als tremendum et fascinosum erfahrenen Numinosen.

In den monotheistischen Religionen war heilig allein oder wenigstens allererst der jeweilige all-einzige Gott selber und vielleicht noch der eine oder andere Ort, an dem er seinen Propheten erschienen war.. Darüber hinaus können auch Menschen, die als Propheten seine Offenbarungen empfangen und weitergegeben haben, besonders nach ihrem Tod als Heilige verehrt werden. In einem Stande der Heiligkeit waren auch diejenigen, die als Leviten oder Priester dem Gott dienten, und schließlich in einem immer noch bedeutsamen Sinne das von ihm auserwählte und insofern geheiligte Volk Israel. Die persönliche Hoffnung und Zuversicht auf Gottes Heilswillen, auf die von ihm zugesicherte Befreiung und Erlösung durch einen Heilsbringer, den Messias, konnte zu einer Heilsgewissheit führen, die wie bei Hiob (besser: Job) durch keine „Prüfung“ zu erschüttern war. Heilig ist schließlich auch jede „Heilige Schrift“ (die Thora der Juden, die Evangelien der Christen, der Koran der Muslime), in der die verschiedenen als unabänderlich geltenden göttlichen Offenbarungen für die Nachwelt schriftlich festgehalten worden sind.

Auch im Neuen Testament der Christen (den vier Evangelien, der Apokalypse und den Apostelbriefen) ist heilig vor allem Gott selbst, außerdem aber auch sein eingeborener Sohn Jesus Christus und ohnehin schon der Heilige Geist, beide mit Gott verbunden in der Heiligen Dreifaltigkeit. Von dieser etwas abgehoben ist die Heilige Maria als Muttergottes. Die Heiligkeit wurde dann auch den Jüngern, Aposteln, Kirchenlehrern, Märtyrern, Ordensgründern und Glaubensbekennern zugeschrieben, den in der Kirchenkunst mit einem Heiligenschein versehenen Heiligen, die wiederum religionshistorisch mit den antiken Heroen und ihrer kultischen Verehrung vergleichbar sind.

Aber nicht nur verstorbene Menschen konnten in den Stand der Heiligkeit kommen, sondern auch zumindest ein lebender geistlicher Würdenträger, nämlich der Heilige Vater, der jeweils amtierende Papst der Katholiken. Schließlich nahm die katholische Kirche insgesamt mit ihren Institutionen (der „Heilige Stuhl“ in Rom), Ritualen und Sakramenten ( die heilige Messe, die heilige Kommunion) die Kennzeichnung als „heilig“ in Anspruch. Sogar Dinge (die Oblate und der Wein des Altarsakraments) werden als heilig bezeichnet, und darüber hinaus vieles Andere, was dann schon zu einer inflationären Verwendung des Wortes „heilig“ geführt hatte. Und nicht zu vergessen: Du sollst den Sonntag bzw. Sabbat (Samstag) oder Freitag heiligen! Wie wär’s mit dem Mittwoch? Meine katholisch getaufte Schwester sprach in der Zeit, als sie auf die hl. Kommunion vorbereitet wurde, in aller Naivität von der „heiligen Unankeuschheit“. Ich selber, evangelisch getauft und etwas jünger als sie, hatte damals keine klare Vorstellung davon, was sie damit meinte, und sie wahrscheinlich auch nicht.

Das Heil meint auch die Daseinsweise, die dem Menschen durch die Religion vermittelt wurde, mit einer großen Variation der Vorstellungen darüber, worin das Heil für einen Menschen besteht (z. B. im Glück, in der Erlösung oder Unsterblichkeit, aber auch in der Befreiung der Unterdrückten), und wie man zum Heil gelangen kann. Zum Erlangen des Heils können Heilsmittel (Gebet, Sakramente, gute Werke) und insgesamt das Beschreiten eines Heilsweges dienen. Dabei gilt es, das Unheil abzuwenden. Es hängt aber wiederum vom jeweiligen kulturellen Umfeld ab, was im einzelnen als Unheil erfahren wird, beispielsweise die eigene Unzulänglichkeit oder „Sündhaftigkeit“ des Menschen, oder auch sein Unterdrücktwerden und das Erleiden von Ungerechtigkeit. Mit „Erlösung“ war dann gemeint, durch Gottes Hilfe solches Übel loswerden zu können, so in der Formel „... und erlöse uns von dem Übel ...“ im christlichen Vaterunser.

Im Christentum wird das Heil als göttliche Gnadengabe angesehen, die den Menschen durch einen Heilsbringer, den Heiland, vermittelt wird. Das Wort „Heiland“ ist eine frühe Lehnübersetzung von kirchenlateinisch salvator, das seinerseits Lehnübersetzung von griechisch sotér ist. Es erscheint im Althochdeutschen als Ableitung (Partizip Präsens) von heilen im Sinne von „erretten, erlösen“ zur Bezeichnung von Jesus Christus (Jesus der Messias = der Gesalbte) in seiner Rolle als Erlöser der an ihn Glaubenden. Im Zusammenhang damit nahm auch das Wort „Heil“ die engere Bedeutung von „Erlösung von den Sünden, Gewährung der ewigen Seligkeit“ an, mit ähnlichen Sinngehalt auch in den Zusammensetzungen Heilslehre, Heilsordnung und Heilsgeschichte.

Eine aktuellere und zugleich bemerkenswerte Zusammensetzung ist das Wort „Heilsarmee“ für eine Gemeinschaft, die sich der Rettung (engl. salvation) Verwahrloster, dem friedlichen Kampf gegen den Alkoholismus und der Sorge für Arbeitslose widmet. Viel älter ist der Begriff „Heiliger Krieg“. Damit bezeichnet man Kriege, die wegen einer religiösen Idee, einer vermeintlich göttlichen Verpflichtung oder zur Verteidigung heiliger Bereiche geführt werden. Sehr oft dienten religiöse Gründe auch nur als Vorwand für Gebiets- oder Herrschaftsansprüche. Unter den Universalreligionen haben nicht so sehr die mystischen, sondern vor allem die prophetischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) heilige Kriege geführt, beispielsweise die „Landnahme“, also die Eroberung des „Gelobten Landes“ Kanaan durch die Israeliten, die Kreuzzüge der Christen, die kriegerische Ausbreitung des frühen Islam, die Konfessionskriege des 16./17. Jahrhunderts, und noch ist in ihrem Bereich kein Ende der religiös begründeten oder auch nur gerechtfertigten Konflikte und militärischen Auseinandersetzungen abzusehen. Im Islam, neuerdings offen propagiert von den Islamisten, gehört der heilige Krieg (Djihad) sogar zu den im Koran gebotenen Pflichten. Das arabische Wort „djihad“ bedeutet zwar ursprünglich „Bemühen“, wurde dann aber von den Muslimen als „Kampf“ und schließlich „Heiliger Krieg“ gegen die Ungläubigen verstanden, mit dem Ziel der Verteidigung und auch gewaltsamen Ausbreitung der uneingeschränkten Herrschaft des Islam. Nach mittelalterlichem und neu bekräftigtem islamischen Recht ist der Djihad ständige Pflicht einer ausreichenden Zahl von Muslimen in Vertretung der Gesamtgemeinde, und zwar bis die ganze Menschheit der Herrschaft des Islam unterworfen ist, ganz wie es die Christen in früheren Jahrhunderten auch vorgehabt und, den Göttern sei Dank, nicht geschafft hatten. Neuerdings gibt es die Selbstverpflichtung zum Djihad in terroristischen Gruppen von Anhängern eines extremen islamischen Fundamentalismus, die sogar so weit gehen, den Djihad auch gegen andersdenkende Muslime zu fordern und zu praktizieren.