2.4.10.10.5. Bloße Propaganda oder tiefe eigene Überzeugung?

Nach den bisherigen Analysen hatte sich Hitlers Glaube als in Grenzen säkularisierende, insbesondere biologistische Fortsetzung jüdisch-christlicher Glaubenstraditionen erwiesen. Nun kann dagegen eingewandt werden, und das geschah in der Regel von christlicher Seite aus, dass Hitler diese Glaubensinhalte nur zu propagandistischen Zwecken verwendet und insofern instrumentalisiert habe, ohne selber in einem ernsten Sinne daran zu glauben. Eine für die Gesamteinschätzung der Person Hitlers entscheidende Frage ist somit die nach der Echtheit seiner immer wieder vorgebrachten Glaubensbekundungen. Hat Hitler den „Messias“ und Retter Deutschlands und letztendlich der ganzen Welt nur gespielt, seinen eigenen Glauben an diese Mission nur vorgetäuscht, um glaubensbereite Menschen propagandistisch einzufangen? Es gibt einige Befunde, die ganz klar gegen die Annahme sprechen, dass Hitler sich christlicher Symbole und Sprechweisen nur bedient habe, um damit seine damals in der Mehrzahl immer noch christlichen Volksgenossen besser einfangen zu können. Hitler schlich sich nicht in die Glaubenswelten anderer Menschen ein, hat nicht nur „auf christlich geschauspielert“, um mit Versatzstücken dieser Religion die Massen propagandistisch für sich zu gewinnen. Als raffiniertes Kalkül hätte sich dies in der Art, wie Hitler es umsetzte, als Fehlrechnung erweisen können:

  1. Wenn Hitler in den unterschiedlichen Teil-Orientierungen seiner Weltanschauung sich mal biologistisch und mal christlich äußerte, dann hätte er es leicht sowohl mit den noch schöpfungsgläubigen Christen als auch mit den schon evolutionsgläubigen Nicht-mehr-Christen und Atheisten verderben können.
  2. Seine wiederholte Rede, dass die Vorsehung ihn berufen habe und weiterhin führe, ging über das Gottesgnadentum der früheren Kaiser weit hinaus. Sie steigerte sich bis in den Anspruch, selber der Messias der auserwählten Deutschen und aller Arier zu sein, und das musste jeden Christen viel eher irritieren, ja erschrecken, als dass es ihn hätte überzeugen können.
  3. Hitlers Gleichsetzung mit Jesus, den er zu seinem Vorläufer und Vorkämpfer gegen das Judentum uminterpretiert und damit quasi degradiert hatte, war in höchstem Maße gotteslästerlich. So etwas gab es nur bei wenigen Sektierern früherer Jahrhunderte, und es gibt dies bis heute bei Schizophrenen mit Erlöserwahn. Selbst die Päpste, die es ja immerhin schon zum „Stellvertreter Gottes auf Erden“ gebracht haben, wagten es niemals, selber als der angekündigte Messias aufzutreten.
  4. Hitler hatte sich christliche Symbolik angeeignet, hatte sie aber keineswegs bloß kopiert. Das Hakenkreuz, das er selber als Symbol der NSDAP vorgeschlagen hatte, war eben nicht das Kreuz, an dem Jesus von Nazareth zu Tode gemartert worden war. Es war diesem Kreuz zwar formal ähnlich, aber seine Radialsymmetrie mit den vier Zacken verhalf ihm zu einer Kreisbewegung und Dynamik, und historisch-inhaltlich war das Hakenkreuz als altindische Swastika ein eminent heidnisches Sonnensymbol.

So war die Nazi-Ideologie kein bloßer Abklatsch christlicher Vorläufer, ergänzt durch Anleihen aus der Wissenschaftsgläubigkeit des vergangenen Jahrhunderts. Es war vielmehr der neue Glaube eines selber davon überzeugten Propheten, den er überzeugend vermitteln konnte an seine nächsten Anhänger und dann auch an viele glaubensbereite Deutsche. Hitler sprach als er selbst, „mit Vollmacht“, mit der subjektiven Gewissheit, über die Wahrheit selber zu verfügen und diese verkünden zu sollen. Die von ihm vorgetragenen apokalyptischen Schreckensbilder und messianischen Verheißungen entsprachen seiner eigenen geistigen Orientierung.

Wer sich mit den Quellen und mit den Zeugnissen von Hitlers Zeitgenossen näher beschäftigt, wird sich der Evidenz, dass Hitler an das von ihm Vorgetragene wirklich selber glaubte und nicht nur zu glauben vorgab, nicht entziehen können. Und somit kann man auch davon ausgehen, dass er nicht einfach den Massen mit den Mitteln einer raffinierten Propaganda etwas vortäuschte, um ihre Unterstützung zum eigenen Machterwerb und Machterhalt zu gewinnen. Gerade weil Hitler selber so „fanatisch“ überzeugt war, konnte er auch so überzeugend wirken. Wenn Hitlers Gesprächspartner oder Zuhörer sich erst einmal darauf eingelassen hatten, seine Monologe oder reden anzuhören, konnte Hitler sie bald für seine Ideen und für sich selbst gewinnen. Das machte seine bemerkenswerte Akzeptanz bei einem Großteil der Deutschen aus, und begründete seine zunächst politischen, später vorübergehend auch militärischen Erfolge, in beiden Fällen natürlich Erfolge auf Kosten Anderer. Die Nazi-Ideologie konnte nur als überzeugt-überzeugender Glaube an einen totalen Neubeginn ihre so große Anfangswirkung entfalten. Hitler forderte und bewirkte auch bei vielen Deutschen eine Konversion zu seinem neuen Glauben. Gerade dass Hitler selber an das geglaubt hatte, was er seinen Volksgenossen zu glauben aufgegeben hatte, hatte seine zeitweilig so große Überzeugungskraft ausgemacht.

Es ist dabei für die Frage nach Hitlers Glauben unerheblich, ob er eine klare, eindeutige und konsistente Gottesvorstellung hatte. Hitler mag Gott etwas zu unpersönlich als den Allmächtigen, oder noch abstrakter als „die Allmacht“ bezeichnet haben, als „Vorsehung“, „höhere Macht“, „Schicksal“, als „Geschichte“ und „Naturgesetz“. Das ist mehrfach als Hinweis dafür gesehen worden, dass Hitler nicht eigentlich an den persönlichen Gott der Juden, Christen und Muslime glaubte, insofern (nur insofern!) also gottlos war. So schreibt etwa M. Rißmann mit kritischem Unterton, Hitler „vertraute ... auf ein verschwommen konturiertes ‚höheres Wesen’, von dem er sich geführt wähnte“ (S. 206). Hitler war eben kein Theologe, der präzise zu wissen behauptet, dass es einen Gott gibt, wer Gott ist und wie Er zu charakterisieren sei. Hitlers Religiosität und insbesondere sein Glaube an die Vorsehung war vielmehr handlungsbezogen: Hitler handelte nach seiner Erweckung im Auftrag seines Gottes! Dass Hitler sich selber als Werkzeug der Vorsehung und Erlöser der Deutschen verstand, machte den Schwerpunkt seines eigenen Glaubens aus. Hitlers Beziehung zur „Vorsehung“, die er auch anders benennen konnte, war eine ganz persönliche, wie Treher in seinen Analysen deutlich gemacht hat: Hitler erwartete von der Vorsehung als von einem höheren Wesen die alles entscheidende Hilfe in seinem Kampf um die Wiedergeburt Deutschlands, er empfing von seinem Gott Befehle (Treher, S. 98), dankte ihm, dass er ihm Mut gab und Kraft geben wird, ihm (Hitler) das Leben erhält (S.164), seinen Segen in die Waagschale senkt (S.109), dass er alles gewogen hat und gerecht richten wird (S.160), die Nationen prüft und beurteilt, anklagt und verdammt, freispricht und bestätigt (passim), dass er alles so gewollt und geboten hat (S. 164), geschaffen, gefügt und geleitet, gesegnet, ausersehen und begnadet, dass er das Volk zusammenschließt (S. 165) und ihm etwas gibt. Das war, klar ersichtlich, ein eher alttestamentlicher Gott, vielleicht Jahwe selbst. Dazu passt auch die Rede vom unerforschlichen Schicksal (S. 164), oder wenn Hitler die „uns armseligen Menschen unbekannten Gründe“ (S. 109) von „Gottes Fügung“ (S. 158) anspricht. Und wenn Hitler einen überraschenden Erfolg erzielt hatte, kann er ausrufen: „das ist nicht Menschenwerk allein gewesen!“

Hitlers Gott ist somit wie im Alten Testament ein geschichtlich handelnder und wirkkräftiger Gott, dem es allererst um sein auserwähltes Volk geht, nur nicht mehr um die Juden, sondern nunmehr um das deutsche Volk und die „arische“ Rasse, und sogar diesmal im Kampf gegen die Juden. Welch eine wahrlich hirnrissige Wendung der Dinge! Ohne dies selber durchschauen zu können oder gar bewusst beabsichtigt zu haben, hat Hitler die ohnehin menschheitsunverträglichen Memome vom „Alleinherrscher“, vom „auserwählten Volk“ und vom „Gelobten Land“ übertreibend vollends ad absurdum geführt. Sein Kampf gegen „den Juden“ ist ein Kampf gegen den mosaischen, ursprünglich und eigentlich ägyptischen Monotheismus, den er zu überbieten und schließlich zu ersetzen versuchte durch einen „arischen“ Monotheismus mit der „Vorsehung“ als höchstes Wesen und mit Hitler selbst an der Sitze der Auserwählten.

Die vielfach registrierten Ähnlichkeiten zwischen dem von Hitler Bekämpften und seinem eigenen Glauben kann man auf die einfache Formel bringen: „Nicht ihr (Juden), sondern wir (Arier) sind die Auserwählten“. Ein solches „nicht – sondern“, wenn in der Aussage nur die Subjekte ausgetauscht werden, aber nicht deren Attribute (Ansprüche, Handlungsweisen, Eigenschaften), ändert leider viel zu wenig an dem, was als Negativum gesehen werden kann und zum Positivum hin verändert werden sollte. In dieser durchaus kritischen Sicht kann schon Hitler als Anfang vom Ende des Monotheismus gesehen werden, und zwar nicht als dessen Zerstörer, beileibe nicht, sondern als dessen gefährlichste Manifestation.

All das über Hitlers Glauben Ausgesagte kann in Abschwächung auch für die auf ihn bezogene, im Entstehen begriffene Religion seiner Anhänger gelten. Und wenn jemand wie Hitler so offensichtlich an seine Sendung glaubt, dann ist das zwar für seine Anhänger um so überzeugender, aber die Überzeugungskraft dieses „Führers“ wie auch die jedes Propheten kann nicht als bloße Propaganda abgetan werden. Im gegebenen Falle muss sie von Anfang an ganz ernst genommen werden. Und wenn ein Autor dem Adolf Hitler ein Sendungsbewusstsein zuschreibt, dann räumt er damit auch schon ein, dass dies nicht als bloß propagandistisches Manöver verharmlost werden kann. Propaganda und Werbung können zur Stimmabgabe und zum Kauf motivieren. Der Glaube aber versetzt Berge, und dann kann es richtig gefährlich werden!

Hitler hat seine „Sendung“ nicht nur proklamiert und agiert, sondern war tief davon überzeugt, vom Schicksal dazu ausersehen zu sein. Das wird deutlich in vielen, auch beiläufigen Bemerkungen (im folgenden nach Rißmann zitiert), in denen er mit großer Selbstverständlichkeit sich in der Rolle des einzigartigen Ausnahmemenschen oder Übermenschen sah: „Nicht falsche Propheten, nicht bloße Johanisse (!) konnten hier Erlösung schaffen, sondern einzig er: der neue Führer“ (Rißmann, S. 33). Bemerkungen wie jene oft zitierte, wonach er „mit traumwandlerischer Sicherheit“ den Weg gehe, den ihm die Vorsehung gewiesen habe, trifft man in zahlreichen Reden (S. 61). Er sah sich als Retter des Abendlandes, der mit beispielloser Härte und Autorität Entschlüsse umsetzen muss, „wie sie bisher noch keinem Sterblichen gestellt worden sind“. Denn sterben müsse selbst er (!) und er stehe deshalb „unter dem Schicksalsgebot, alles innerhalb eines einzigen Menschenlebens zu vollenden“ (S. 61). Die Vorsehung habe schon mehrfach zu verstehen gegeben, dass der „Führer“ nicht zu den gewöhnlichen Menschen zu rechnen sei (S. 58). Hitler: „Ich habe die Überzeugung, dass mir gar nichts zustößt, weil ich daran glaube, dass die Vorsehung mich für meine Arbeit bestimmt hat“( S. 47). Hitler war der Führer, der niemals verzagte, nie kapitulierte, der nie Kompromisse schloss, der nur ein Ziel kannte und den Weg dahin (S. 44). „Er verkörperte den weisen Lehrer und Lenker seines Volkes genauso wie den missachteten Propheten; er war Religionsstifter, Verfasser heiliger Schriften, ... nur für seine Mission lebend“ (S. 61). So bezeugen Hitlers Reden in den dreißiger und vierziger Jahren „eine gigantische Apotheose seiner selbst“ (S. 61), also eine Selbstvergottung zumindest in der Nachfolge des Gottessohnes Jesus Christus (= „Messias“). Oder war es doch nur der Größenwahn eines Paranoikers?

Michael Rißmann (S. 175/176) befasst sich eingehend mit diesen Fragen und zitiert Martin Broszat, dass es keinem Zweifel unterliegt, dass bestimmte weltanschauliche Inhalte „für Hitler persönlich die Funktion letzter Glaubenswahrheiten“ hatten. Und er fährt fort: „Die enervierende Penetranz, mit der Hitler immer wieder von seinem Vorsehungs-Gott sprach, die Kongruenz von öffentlicher und privater Rede und schließlich die Geschlossenheit seiner religiösen Ideen über zwanzig Jahre hinweg sprechen dafür, ihn beim Wort zu nehmen“ (S. 176).

Obwohl der Diktator im Einzelfall oft zum Hilfsmittel der Lüge griff, erscheint es Rißmann offenbar als unwahrscheinlich, dass Hitler allein aus Gründen des Machterhalts über Jahrzehnte hinweg tagtäglich einen bloß vermeintlichen Glauben propagandistisch vorgeschoben und insofern seinen Hörern vorgelogen hat, ohne selber an die zentralen Inhalte seiner Ideologie geglaubt zu haben. Auch Hitlers Gott, die Vorsehung, war demnach allen Ernstes ein zentraler Inhalt seines privaten Glaubens. Eher nachträglich hat er solche Glaubensinhalte auch propagandistisch eingesetzt. Selbst diese Aussage wird m.E. dem Sachverhalt noch nicht ganz gerecht, denn es liegt nahe anzunehmen, dass Hitler einfach immer wieder Gelegenheit suchte, wie ein Prophet seine Heilslehre zu verkünden. Das war schon immer typisch für Propheten.

Eine Möglichkeit, diese Annahmen zu überprüfen, ergibt sich im Hinblick auf Situationen, in denen Hitlers wirklichkeitsfremder und zugleich fanatischer Glaube mit den Erfordernissen einer wirkungsvollen Propaganda und vor allem der Realpolitik in Konflikt geriet und von ihm trotz offensichtlicher Inopportunität nicht aufgegeben werden konnte. Letzteres galt nicht nur für die „Kampfzeit“, sondern noch mehr für die Zeit nach der Machtergreifung. Wenn etwa der Antisemitismus ein bloßes propagandistisches Kalkül von Hitler gewesen wäre, in der „Kampfzeit“ von ihm zu Machtgewinn eingesetzt, so hätte er doch nach der Machtergreifung (1933) aus innen- und außenpolitischen Gründen auf eine weitere Verfolgung der Juden verzichten können, zumal diese Repressionen dazu angetan waren, den Widerstand der deutschen Bevölkerung und vor allem die Empörung der ganzen Welt zu wecken, und sich selbst damit Feinde zu machen, wo er hätte Verbündete brauchen können. Er hätte ohne Probleme die deutschen Juden weiterhin in Deutschland bleiben lassen können. Aber da Hitler in ihnen offenbar wirkliche Ausgeburten des Teufels und der Hölle sah, intensivierte er schon in Friedenszeiten die Entrechtung, Entwürdigung und Vertreibung der Juden. Die Irrationalität seines christlich begründeten und biologistisch untermauerten Antisemitismus wurde noch deutlicher, nachdem Hitler mit höchstem Risiko Deutschland in den Zweiten Weltkrieg geführt hatte. Selbst angesichts der nach Stalingrad drohenden Niederlage verstärkte er die Judenverfolgung bis zur Massendeportation und schließlich zum Völkermord, offenbar mit höchster Priorität und mit dem Einsatz alle dafür verfügbaren Kräfte, ohne zu bedenken, dass er damit der Landesverteidigung wichtige Ressourcen an Menschen und Material entzog (das ist, wohlgemerkt, nicht mein eigenes Argument, sondern das hätte Hitlers rationale Rechnung sein können, wenn sein Antisemitismus bloß propagandistischer Natur gewesen wäre). Aber Hitler bestand in der Hartnäckigkeit seines fanatischen Glaubens auf der totalen Vernichtung der Juden, der „Endlösung“, auch wenn er dazu, trotz der krisenhaft sich zuspitzenden militärischen Situation, eine umfangreiche Logistik aufbauen musste, nämlich in Deutschland und im besetzten Ausland Razzien durchführen und Verhaftungen vornehmen, Sammelstellen einrichten, Transporte organisieren, ganze SS-Einheiten von militärischen Aufgaben abziehen. Er nahm es auch in Kauf, den deutschen Armeen der Ostfront Transport-Kapazitäten für den Nachschub an Truppen und Material und für den Rücktransport der Verwundeten zu entziehen. Diese Konsequenzen hätten Inhalt seiner rationalen Überlegungen sein können, aber sein irrationaler, in seinem Glauben begründeter Judenhass war „stärker denn alle Vernunft“, und war darüber hinaus im höchsten Masse verbrecherisch.

Es kam noch eines hinzu: wenn der Genozid an den Juden frühzeitig bekannt geworden wäre, - wir wissen, dass zu allem Unglück die Weltoffenheit viel zu spät davon erführ - , hätte dies gesteigerte Kriegsanstrengungen der Alliierten und gezielte Rettungsversuche mobilisieren können. Aber das alles spielte für Hitler offenbar keine Rolle: sein Judenhass war stärker als alle rationale Überlegung und vor allem stärker als jedes mitmenschliche Gefühl. Er war vielmehr zentraler Inhalt seines Glaubens an die Auserwähltheit der arischen Rasse, an ihrem Endsieg und an die dann mögliche Landnahme deutsch-germanisch-arischer Wehrbauern im „Deutschen Osten“.

Einer der Chefideologen Hitlers, Alfred Rosenberg, charakterisierte in einem nach dem Zusammenbruch des Nazi-Systems verfassten Buch (Letzte Aufzeichnungen. Ideale und Idole der Nationalsozialistischen Revolution. Göttingen, 1955, S. 235) zusammenfassend das Sendungsbewusstsein Hitlers (zitiert nach Rißmann, S. 134): „Das (Sendungsbewusstsein) war spürbar, als er 1925 aus Landsberg (H. Sch.: wo er nach seinem Münchener Putschversuch inhaftiert war) zurückkehrte und steigerte sich dann nach der Machtübernahme (1933), bis dieser Glaube dann am Ende des Krieges geradezu peinliche Züge anzunehmen begann“. Rosenberg hat sich erst nach dem Ende des „Dritten Reichs“ so offen skeptisch geäußert, aber das ändert nichts an der Richtigkeit der Feststellung, dass Hitler sich immer mehr und immer rigider in ein Sendungsbewusstsein hineingesteigert hatte, das allerdings über „Peinliches“ weit hinausgehend im äußersten Grade zerstörerisch war, indem es den Tod von Millionen Menschen in den Kriegshandlungen und im Massenmord an den Juden legitimierte und zugleich verwirklichte.

Wohl auch aus anderen Gründen hält der Hitler-Biograph Joachim C. Fest (Hitler. Eine Biographie. Ullstein, Frankfurt, 1973) die von Hitler beständig vorgetragenen Glaubensbekenntnisse für echt und vermutet in seinem Sendungsbewusstsein sogar eine wesentliche Ursache der Niederlage. Als es Hitler „nicht mehr gelang, das glühende Bewusstsein seiner Mission durch machiavellistisches Kalkül in Schach zu halten, und er selber der Vorstellung seines Übermenschentums erlag, setzte der Abstieg ein“ (zitiert nach Rißmann, S. 18). Hitler gab seinen Glauben auch dann nicht auf, als er politisch-militärisch offenkundig gescheitert war. Noch bis zu seiner Selbsttötung angesichts der drohenden Gefangennahme durch russische Truppen blieben Hitlers Grundüberzeugungen unerschütterlich: „Also stilisierte Hitler seinen Tod zum letzten Opfer am Volk, schriftlich fixiert in seinen Testamenten vom 29. April 1945, ... (er) sterbe angesichts des Vollbrachten mit freudigem Herzen“ (Rißmann, S. 60). Angesichts der totalen Niederlage klingt das „Vollbrachte“ denn auch eher nach dem „Es ist vollbracht!“ des am Kreuz sterbenden Jesus, und vergleichbar dem Leben eines Heilands vollendete sich auch Hitlers Leben in einem ungewöhnlichen Tod (Rißmann, S. 60), quasi schon in einer Gruft, in der sein Angedenken „dermaleinst“ gefeiert werden sollte. Ich vergleiche hier nicht Jesus mit Hitler, sondern gebe wieder, wie Hitler sich offenbar mit Jesus verglichen und bis zu seinem eigenen Tod an Jesus orientiert hatte. Bemerkenswert ist auch, dass Hitler noch in seinem kurz vor seinem Suizid verfassten Testament versucht hatte, in die Zukunft hineinzuwirken und damit auch nach seinem Tode noch der Bestimmer zu bleiben.

Zurück zu Hitler: Die Frage nach der Glaubens- oder Sprachähnlichkeit der Eroberer und der Eroberten spielte bei Hitler gar keine Rolle mehr. Da er sein „Gelobtes Land“ als Ziel eines Glaubens „rassischer“ Auserwähltheit phantasierte, konnte er auf die Idee kommen, seinen Anhängern die seit alters her slawisch besiedelten Länder östlich von Deutschland, nämlich Polen, die Ukraine und Westrussland mit dem Baltikum als einen noch zu erobernden und dann zu besiedelnden „Deutschen Osten“ zu versprechen. Diese Landnahme sollte vollzogen werden durch blondhaarig-blauäugige Wehrbauern aus dem deutschen „Volk ohne Raum“, zur Not auch ergänzt durch blondhaarig-blauäugige „Beutegermanen“ anderer Nationalität, wenn diese nur als reinrassig („arisch“!) eingeschätzt werden konnten. Man muss schon in christlicher Tradition aufgewachsen sein, um auf seine solche Neu-Kombination von (nunmehr „arischer“) Auserwähltheit und einem (nunmehr in Osteuropa liegenden) Gelobten Land als Inhalt des eigenen fanatischen Glaubens zu kommen.