2.5.2. Epikur, ein moderner Philosoph in der vorchristlichen griechischen Antike

Inhaltsverzeichnis

2.5.2.1. Zur Herkunft des Philosophen
2.5.2.2. Zur Philosophie des Epikur selbst: "hedoné" als ethisch akzeptables Ziel
2.5.2.3. Epikurs Lebenspraxis
2.5.2.4. Entängstigung als Ziel des Philosophierens
2.5.2.5. Götter sind vollkommen, selig, bedürfnislos und daher harmlos
2.5.2.6. Naturereignisse haben ganz natürliche Ursachen
2.5.2.7. Epikurs Beiträge zur Erkenntnistheorie
2.5.2.8. Epikur setzte die philosophische Tradition des Atomismus fort
2.5.2.9. Epikur als Pluralist

Was wissen wir von Epikur? Etwas von seiner Lehre hat sich bis in den heutigen Sprachgebrauch der Gebildeten erhalten. Nach dem Rechtschreib-Duden bedeutet „epikureisch“: dem Genuss ergeben, und „hedonistisch“ bedeutet: nach Sinnenlust strebend. Aber ist das Alles, und stimmt das überhaupt? Noch bevor ich auf diese Fragen näher eingehe, möchte ich etwas über die Herkunft des Philosophen berichten und über die Zeit, in der er lebte und wirkte.

2.5.2.1. Zur Herkunft des Philosophen

Epikur lebte von 341 - 270/271 vor der Zeitenwende. Er stammte von der Insel Samos, das ist eine der Inseln, die der heute türkischen Westküste der kleinasiatischen (anatolischen) Halbinsel vorgelagert sind. Diese Inseln und auch der damals von Griechen besiedelte Küstenstreifen mit der Hafenstadt Milet waren als Ionien bekannt. Dort lebten aber nicht nur griechische Siedler u. a. aus Athen. Die Ionier bestanden aus verschiedensten ethnischen Gruppen, die sich bei den Wanderungen mit der jeweiligen Urbevölkerung vermischt hatten. Wenn auch das Griechische schon damals die Umgangssprache war, so muss man sich die Bevölkerung der Herkunft nach doch als eher heterogen vorstellen, wie es für Hafenstädte schon immer eher typisch war.

Es gab auch Landverbindungen bis weit ins heutige Anatolien hinein, und insgesamt war Ionien stark durch die Kulturen des vorderen Orients beeinflusst. Von den hochentwickelten mythologischen Kosmogonien etwa der Babylonier und von ggf. vorgriechischen Theogonien, wie Hesiod im 8. Jh. sie wiedergegeben hat, sind auch manche Vorstellungen der Vorsokratiker über die Entstehung und Entwicklung des Kosmos ableitbar, angefangen mit Thales von Milet, der als erster bedeutender Philosoph in der Reihe der griechischen Vorsokratiker gilt. Es heißt von ihm, er sei phönizischer, also westsemitischer Herkunft gewesen, und ihm waren wohl auch dadurch astronomische Methoden und Erkenntnisse bekannt, die schon zuvor von babylonischen Weisen erarbeitet worden waren. Schon Thales hatte sich von der religiösen Deutung der kosmischen Phänomene entfernt, als er die Sonnenfinsternis von 585 v.Chr. vorausberechnen konnte. Schon in seiner Sicht, wie etwa 300 Jahre nach ihm für Epikur, waren Erdbeben nicht göttlichen Ursprungs, sondern irdische Phänomene, als natürliche Vorgänge erklärbar. Jaap Mansfeld (Die Vorsokratiker I, Reclam-TB, Stuttgart, 1983, S. 15) kommentiert dies so: "An die Stelle der Beziehung zu dem Außergewöhnlich-Göttlichen ist jetzt der ... rationale Hinweis auf die prinzipiell Jedem zugänglichen ... Tatsachen der alltäglichen Erfahrung getreten".

Die Küstenstadt Milet und die ihr vorgelagerte Insel Samos lagen im Zentralbereich ägäisch-griechischer Hafenstädte und Handelszentren, in denen sich die Schifffahrtsrouten des östlichen Mittelmeeres trafen und von denen Handelsstraßen nach Anatolien und in die östlich davon gelegenen Länder ausgingen. In nördlicher Richtung nicht weit entfernt lag Troja und über die Dardanellen und den Bosporus der Zugang zum Schwarzen Meer; im Südosten waren die westsemitischen Phönizier dabei, zur meeresbeherrschenden Handelsmacht aufzusteigen; im Süden lag die Großmacht Ägypten mit ihrem später so bedeutenden Seehafen Alexandria; und im Südwesten die Insel Kreta mit ihrer frühen minoischen Kultur, und noch näher im Westen lag die mykenisch kultivierte Halbinsel Griechenland mit ihrem über lange Zeit beherrschenden wirtschaftlichen, kulturellen und vor allem auch wissenschaftlichen Zentrum Athen. Die Einflüsse dieser Handelspartner berührten, in wechselndem Ausmaß, aber über längere Zeit wirksam, auch die ionische Hafenstadt Milet und die ihr vorgelagerte Insel Samos. Wenn wir nach vergleichbaren Verhältnissen in unseren Zeiten und Bereichen suchen, bieten sich die Hansestädte an, und in Konkurrenz mit ihnen und in ihrer Nachfolge in Nordwest-Europa auch Amsterdam und London, in neuerer Zeit New York im Nordosten der USA, und an der pazifischen Westküste San Francisco und Los Angeles, sowie im Fernen Osten die japanischen Inseln, Südkorea, Taiwan und die Tigerstädte Hongkong und Singapur, alle mit Seehäfen und internationalen Verbindungen.

Unter solchen Bedingungen entwickelten sich in Ionien nicht nur die Küstenschifffahrt, der Fernhandel und ein reges städtisches Wirtschaftsleben, sondern auch Technik, Kunst und Wissenschaft, und davon angeregt und weiterhin abhängig konnte dort auch die Philosophie ihren Anfang nehmen und schon früh ihre Blütezeit erreichen. Es waren Reisende zwischen den Kulturen, die dazu beitrugen. Jaap Mansfeld weist darauf hin, "dass die griechische Philosophie in einer Zeit entstanden ist, in der epochale sozio-politische und technologische Entwicklungen stattgefunden haben. Auch gab es damals (erweiterte) Möglichkeiten, mit anderen Kulturkreisen in intensive Beziehung zu treten... Hie und da (wurden) die großen Selbstverständlichkeiten nicht mehr als so selbstverständlich anerkannt und ... die Neugier, das Bedürfnis, sich (selber und andere) immer wieder neu zu orientieren und zu informieren, (nahm) notwendigerweise zu ..." (S. 13).

In umgekehrter Wirkungsrichtung haben in Ionien gebürtige oder von dort stammende Philosophen ihre aufklärerischen Impulse nach außen getragen, so wirkten Pythagoras und Xenophanes in Elea (Unteritalien), Anaxagoras in Athen, Leukipp in Abdera. Anscheinend haben die Randgebiete der griechischen Kultur günstigere Bedingungen für die erste Entfaltung des philosophischen Denkens geboten als das eher konservative Mutterland (J. Mansfeld S. 10). Ähnlich war es später bei der islamischen Philosophie: sie entfaltete sich nicht in Innerarabien, etwa in Mekka und Medina, sondern an den nördlichen und westlichen Grenzen der islamischen Ausbreitung, nämlich in Bagdad, im westlichen Nordafrika und in Spanien, auch in Sizilien, und in gleicher Weise hat sich in der christlichen Welt die Philosophie nicht im vatikanischen Rom, sondern in Irland, im französischen Chartres und Paris, in Oxford und schließlich mit David Hume im fernen Schottland weiterentwickelt. Ich möchte diese Überlegungen abschließen mit einem weiteren Zitat von J. Mansfeld (S. 14): "In Griechenland ergab sich trotz aller Beziehungen zum Vorhergehenden etwas völlig Neues. Was sich ereignete, hat sich in einigen Köpfen ereignet, welche die Chance nutzten, die sich ihnen durch die im Innern bewegliche und nach außen offene Tradition sowie durch die sozio-politischen Umstände bot ... Die Kreativität des menschlichen Geistes, d.h. des weltoffenen, kritischen Geistes im Menschen, mag also für das Entstehen der Philosophie verantwortlich sein. Das griechische Milieu hat dies toleriert und gefördert. Binnen relativ kurzer Zeit wurden in der soeben aufgekommenen und praktizierten Philosophie neue Wege eingeschlagen, neue Weisen des Betrachtens der Dinge, die uns umgeben, ausprobiert, neue Fragen gestellt".