2.5.2.6. Naturereignisse haben ganz natürliche Ursachen

Nach der Aufklärung darüber, dass die Götter nicht dazu neigen, von sich aus Naturkatastrophen zu bewirken, verfolgte Epikur sein Ziel der Entängstigung der Menschen durch einen zweiten Ansatz seiner Doppelstrategie, nämlich durch die Aufklärung über die Naturereignisse selbst und über ihre tatsächlichen Ursachen. Er versuchte, deutlich zu machen, dass es, selbst wenn es zu Naturkatastrophen kam, dabei im Grunde mit rechten Dingen zuging: Wind und auch Sturm waren bloß bewegte Luft, Wolken waren bloß aufgestiegener Wasserdampf, Blitz und Donner hatten bloß damit zu tun, dass Wolken aneinander gerieten. Epikur versuchte also, meteorologische und seismische Großereignisse auf natürliche Ursachen zurückzuführen, und zwar, das muss betont werden, nicht auf eine Ursache (die ja einem einzelnen Gott entsprochen hätte), sondern auf das Zusammenwirken mehrerer Bedingungen, also auf Bedingungs-Konstellationen. Epikur verfügte noch nicht über diese moderne Begrifflichkeit, und so brachte er die Vielfalt möglicher Bedingungen in Aufzählungen möglicher Ursachen unter, aber eben vieler möglicher Ursachen. An seinen Erklärungsversuchen ist übrigens zu erkennen, dass Epikur über ein bemerkenswert deutliches Vorstellungsvermögen verfügte, vor allem auch über eine klare räumliche Vorstellung von Bewegungen, von Strömungen, Ballungen und Verteilungen in allen drei Dimensionen. Er hatte auch Sinn für das Prozesshafte von Naturvorgängen, für stetige Abläufe, aber auch für allmähliche und insbesondere plötzliche Veränderungen. Das sind Fähigkeiten, die ein Techniker und Physiker braucht, von denen aber auch ein Philosoph wie Epikur profitieren konnte.

Aus der Vielzahl seiner Erklärungsansätze will ich nur ein paar Beispiele aus dem Bereich der Meteorologie zitieren, und zwar aus seinem Brief an Pythokles. Bemerkenswert sind schon seine einführenden Feststellungen (S. 205): "Jene aber, die nur eine einzige Erklärung haben, geraten in Widerspruch zu den sichtbaren Erscheinungen und verfehlen den Weg, auf dem eine menschliche Erklärung möglich ist ... Wetterphänomene können durch das Zusammentreffen bestimmter Umstände entstehen ..." Und dann geht er ins Einzelne: "Die Winde entstehen von Zeit zu Zeit, indem andauernd und allmählich fremde Materie in die Luft steigt, und auch durch Ansammlung großer Wassermengen" (S. 211). Schon vorher im Text hat er dies ausführlicher dargelegt (S. 205): "Wolken können entstehen und sich zusammenballen infolge des Druckes von Winden (HS: Luftdruck!), oder durch Verflechtung von Atomen, die aneinander haften (HS: Wassermolekülen!) ... und durch die Ansammlung von Feuchtigkeit von der Erde und aus den Gewässern. Dass die Zusammenballungen solcher Körper auch noch aus mehreren anderen Gründen erfolgen können, ist nicht auszuschließen. Unter diesen Umständen kann aus ihnen manchmal unter Druck, manchmal durch Verwandlung Regen fallen; außerdem stürzen Winde ... durch die in Bewegung gesetzte Luft nach unten, und ein heftiger Regenguss entsteht aus Wolkenzusammenballungen... Donner kann entstehen durch Aufblähung von Luft in den Höhlungen der Wolken, ... , und auch durch das Dröhnen des in ihnen befindlichen Feuers, das durch den Wind angefacht wird, durch Zerreißen und Zerplatzen von Wolken (HS: "Wolkenbruch"!) ... Und im allgemeinen fordern die sichtbaren Erscheinungen auch in diesem besonderen Fall dazu auf, eine Vielfalt von Ursachen (HS: eine Konstellation von Bedingungen!) zur Erklärung heranzuziehen“ (S. 207). "Auch für die Entstehung der Blitze gibt es mehrere Möglichkeiten. Denn wenn sich die Wolken aneinander reiben und zusammenstoßen, erzeugt die Atomkonstellation, die das Feuer verursacht (HS: die Elektronen), wenn sie hervorbricht, einen Blitz; und dies kann auch dadurch geschehen, dass aus den Wolken unter Einwirkung der Winde Körper dieser Art herausgeschleudert werden, die diese Helligkeit erzeugen; es kann auch durch Herauspressen geschehen, wenn die Wolken zusammengedrückt werden, entweder durch eigene Einwirkung oder durch die Winde, ... , oder durch die vom Feuer verursachte Zusammenballung der Wolken, wobei auch der Donner erzeugt wird, oder durch die Bewegung des Feuers oder durch die Entzündung des Windes (HS: die elektrische Aufladung), die durch die Schnelligkeit der Bewegung und durch den starken Druck verursacht wird; es kann auch geschehen durch das Zerreißen der Wolken unter Einwirkung der Winde und das Herausfallen der Atome (HS: der Elektronen), die das Feuer und die Erscheinung des Blitzes bewirken. Es ist auch leicht möglich, noch mehrere andere Erklärungen zu finden (HS: = Hypothesen aufzustellen), wenn man sich stets an die sichtbaren Erscheinungen hält und in der Lage ist, das, was diesen entspricht, mit zu berücksichtigen".

Und Epikur diskutiert in ähnlicher Weise auch andere Wetterphänomene (S. 209): "Der Blitz aber geht dem Donner voraus, wenn sich die Wolken in dem oben beschriebenen Zustand befinden und die Konstellation, die den Blitz hervorruft, in dem Moment herausgestoßen wird, wo der Wind auf die Wolken fällt, und später der wirbelnde Wind dieses Donnerwetter erzeugt; oder wenn beides gleichzeitig herausfällt und der Blitz sich mit größerer Geschwindigkeit zu uns hin bewegt und der Donner später kommt, wie dies (auch) der Fall ist, wenn man jemanden in weiter Entfernung sieht, der laute Schläge erzeugt" (das ist ein schon damals treffender Vergleich der hohen Lichtgeschwindigkeit mit der viel geringeren Geschwindigkeit des Schalls). "Donnerschläge können aus folgenden Gründen entstehen: durch vermehrte Sammlung, Verwicklung und heftige Entzündung (HS: elektrische Aufladung) von Winden, durch Abreißen eines Teiles und sein heftiges Herabstürzen auf darunter liegende Regionen; das Abreißen erfolgt dadurch, dass das Zusammendrücken der Wolken die angrenzenden Regionen hat dichter werden lassen (HS: erhöhter Luftdruck); durch das Herausfallen des zusammengedrückten Feuers selbst, wie ja auch der Donner entstehen kann, nachdem das Feuer sich vermehrte, heftiger durch Wind angefacht wurde und die Wolken durchbrach, weil es in die angrenzenden Regionen nicht ausweichen konnte und der Druck immer größer wurde; das geschieht im allgemeinen an einem hohen Berg (HS: mit Fallwinden und Aufwinden), wo Blitzschläge meistens aufprallen (HS: der Blitz sucht den kürzesten Weg zum Wasser, schlägt daher eher in hohe Objekte ein, soweit sie die Elektrizität leiten können). Es gibt noch verschiedene andere Möglichkeiten, durch die Donnerschläge verursacht werden. Allein der Mythos sei ausgeschlossen; er wird aber ausgeschlossen bleiben, wenn man die sichtbaren Erscheinungen richtig beachtet und als Zeichen für das Unsichtbare (HS: die Kräfte und Energien) nutzt." Es grenzte an eine Gotteslästerung, so nüchtern über Blitz und Donner zu denken und zu schreiben, denn der Donnerkeil des Zeus war dessen Waffe und Hoheitszeichen. Zeus war der Gott des Himmels, dem Wohnsitz der Wettergewalten (entsprechend dem Jupiter der Römer und anderen Hochgöttern im indoeuropäischen Sprachbereich). Er wurde ursprünglich auf Berggipfeln verehrt, man glaubte, er wohne auf dem Olymp. Als Vater aller Götter und aller Menschen hatte er höchste Macht über sie, und wurde schließlich zum obersten Gott des Alls.

In ähnlicher Weise entwickelt Epikur Hypothesen über das Zustandekommen von Orkanen, von Hagel, Schnee, Tau und Reif, vom Regenbogen, vom Hof um den Mond ... (SS. 209 - 215) und befasst sich schließlich astronomisch mit den Himmelserscheinungen. Abschließend (S. 221) ermahnt Epikur seinen Schüler: "Das alles behalte im Gedächtnis, Pythokles. Denn nur dann wirst du dich weit vom Mythos entfernen und in der Lage sein, alle Vorgänge, die den geschilderten gleichartig sind, in ihrem Zusammenhang zu sehen. Vor allem aber widme dich der Erforschung der Ursachen ... und der Erscheinungen, die diesen verwandt sind, ferner der Beurteilungsmaßstäbe (HS: der erkenntnistheoretischen Kriterien) und der seelischen Empfindungen und des Zweckes, zu dem wir dies alles untersuchen (HS: der Befreiung von Angst). Denn wenn man es (HS: also dies alles) im Zusammenhang erforscht, wird man leicht auch die Ursachen der Einzelheiten sehen".

Nach diesen ausführlichen Zitaten mit kurzen Erläuterungen möchte ich das Zitierte noch im Ganzen kommentieren: In Anlehnung an die ihm schon überlieferte Kombinatorik der Elemente Erde, Luft (Wind), Wasser und Feuer, die er in Einzelheiten noch erweiterte, entwickelte Epikur selber schon Vorstellungen über die Abhängigkeit des Wetters (also meteorologischer Erscheinungen wie Wind, Sturm, Orkan, Wolkenbruch, Blitz und Donner, Hagel, Schnee, Tau und Reif etc.) von verschiedenen Entstehungsbedingungen wie etwa der Geländebeschaffenheit mit Bergen und Tälern, der Höhenunterschiede, auch von der Verdunstung von Wasser schon an der Oberfläche der Gewässer, von Luftdruckunterschieden, horizontalen Winden und vertikalen Luftströmungen (Fallwinden und Aufwinden), von statischer Elektrizität mit ihrer allmählichen Aufladung und plötzlichen Entladung, und er erkannte schon die so sehr unterschiedlichen Ausbreitungsgeschwindigkeiten des Lichts und des Schalls.

In dieser Aufzählung habe ich heutige Begriffe aus Theorien verwendet, die erst in den letzten 3 - 4 Jahrhunderten der wissenschaftlich-technischen Revolution entwickelt wurden. Dies geschah unter der Nutzung von immer raffinierteren Geräten zur Messung von Temperatur, Luftdruck, Wasserdampf-Sättigung, elektrischer Ladung, Stromfluss und Windgeschwindigkeit, zur Registrierung von Prozessen der Ansammlung von Wassermolekülen um Kondensationskerne, die dann zur Tropfen- oder Hagelbildung führen können, zur Nahbeobachtung von Wirbelstürmen, zur Einschätzung von Großwetterlagen. Heutige Meteorologen verfügen inzwischen über immer bessere Mess- und Forschungsmethoden, um im Einzelfall das Zusammenwirken solcher Bedingungen angemessen beurteilen zu können, und dies insgesamt mit Methoden, von denen Epikur natürlich noch keine Kenntnis haben konnte. Was heute trotz aller Komplexität der Vorgänge als gesichertes meteorologisches Wissen erscheint, dem war Epikur mit seinen bescheidenen Mitteln der genauen Beobachtung und sachgerechten Beschreibung schon sehr nahe gekommen. Besonders hervorzuheben ist jedoch sein so frühes Verständnis für komplexe Bedingungskonstellationen im Unterschied zur monokausalen oder gar mythisch-theologischen "Erklärung". Er deutete die Phänomene nicht durch Rekurs auf "die eine Ursache", sondern erklärte sie im Prinzip pluralistisch durch multi-konditionale Ansätze, durch Verweis auf die verschiedensten Bedingungen, die zusammenwirken können.

Epikurs Aufzählungen vieler möglicher Ursachen sind von dem einen oder anderen Autor als Indiz für eine dem Epikur vorwerfbare "Beliebigkeit" von Deutungsversuchen genommen worden. Epikurs Hinweise auf die Vielzahl der Erklärungsmöglichkeiten für Naturphänomene sehe ich aber nicht als Beliebigkeit im Sinne eines unernsten "anything goes" (Paul Feyerabend), als bloße Relativierung, die an der Wahrheitsfindung gar nicht mehr so zentral interessiert ist. Die nicht relativierenden, sondern relationalen Erklärungsangebote, die Epikur ganz eindeutig als überprüfungsbedürftige Hypothesen vorgebracht hatte, waren vielmehr Ausdruck eines noch unsicheren Wissens bei einer immerhin schon aufgekommenen Ahnung, dass das Bestehen und die Veränderung von Naturphänomenen von der kombinierten Einwirkung verschiedener Bedingungen und von deren Zusammenwirken abhängen könnte.

Die Kritiker haben auch übersehen, dass Epikur neben wenigen völlig obsoleten Deutungen auch bemerkenswert viele Treffer aufzuweisen hatte. Ihm fehlten nur die heutigen Mess- und Experimentalmethoden, um seine Hypothesen zu überprüfen, sie zu falsifizieren oder wenigstens statistisch zu verifizieren. Das ist in der Meteorologie heute selbst für ausgewiesene Fachleute ein recht schwieriges Geschäft, denn bei aller Überprüfungsbedürftigkeit ihrer Theorien ist deren Überprüfbarkeit wegen der hohen Komplexität der Vorgänge auch heute noch beschränkt. Es ist auch zu bedenken, dass viele der Einzelerklärungen des Epikur je für sich plausibel sind und einander keineswegs ausschließen, sondern einen zunächst noch gleichgewichtigen Erklärungswert besitzen. Vor allem lassen sie sich miteinander kombinieren, zu Bedingungskonstellationen verbinden. Epikur suchte - aus Prinzip! - selbst dann noch nach weiteren (alternativen) Erklärungsmöglichkeiten, wenn er die plausibelste Erklärung schon zu kennen glaubte. Sir Karl Popper hätte seine helle Freude daran gehabt!