2.5.3.2. Welch eine Zeit!

Wer als heutiger religiös aufgeklärter Mensch versucht, die Geschichte des 16. Jahrhunderts an Hand von Quellen nachzuvollziehen, der wird hin und her gerissen zwischen heller Begeisterung und tiefer Enttäuschung, ja wütender Entrüstung, und dies bezogen auf Ereignisse, die z.T. kurz aufeinander folgten oder nebeneinander vorkamen. Von starken positiven Gefühlen bewegt waren viele Menschen, die in dieser Zeit lebten, so Ulrich von Hutten (1488 -1523), der deutsche Humanist und kritische Publizist, der am 25. 10. 1518 einen Brief mit den Ausrufen abschloss: "O Jahrhundert! O Wissenschaften!" und "Es ist eine Lust zu leben!". Er hatte an verschiedenen Universitäten studiert und wie andere Zeitgenossen vor allem aus Deutschland, den Niederlanden und Frankreich schließlich in Italien (Padua, Bologna) den dort im Zeitalter der Renaissance aufblühenden Humanismus kennen gelernt. Zu diesen Gelehrten gehörte auch Johannes Reuchlin (1455 - 1522), der sich als Übersetzer und Herausgeber zahlreicher lateinischer, griechischer und hebräischer Texte hervortat und das jüdische Schrifttum gegen christliche Anfeindungen verteidigte, und vor allem Erasmus von Rotterdam (1466 oder 1469 - 1536), ebenfalls ein bedeutender Altphilologe, aber zugleich auch ein Kritiker der weltlichen und geistlichen Mächte seiner Zeit (insbesondere des Papsttums), der kirchlichen Missstände und der erstarrten Scholastik. Auch er hatte in Italien studiert und dort die antiken humanistischen Traditionen aufgenommen und konstruktiv, aber noch in einem christlichen Sinne, umgesetzt. Diese Gelehrten waren auch politisch engagiert, mit z.T. kämpferischer (Hutten), aber meist noch eher irenischer (pazifistischer) Orientierung (Erasmus).

In der Rückbesinnung auf die römische und griechische Antike und im Glauben an deren Wiedergeburt ("Renaissance") entwickelten die Humanisten neue Ideale, die mit dem herrschenden Christentum teilweise schwer zu vereinbaren waren: sie entdeckten und verteidigten den Eigenwert und die freie Entfaltung der Persönlichkeit, sie bejahten ihr irdisches Dasein in der Harmonie von Körper, Seele und Geist, integriert in einem autonomen Selbst; sie vertrauten auf empirische Erfahrung und auf eine urteilsfähige Vernunft, entwickelten ihre Fähigkeiten in den freien Künsten und Wissenschaften und beanspruchten Handlungsfreiheit im politischen Raum. Der Rückgriff der Renaissance auf die Antike wirkte sich also nicht nur auf die bildende Kunst, Architektur und Literatur aus, wo die Künstler vorchristliche Inhalte und Formelemente in ihren eigenen Produktionen aufgriffen und umwandelten; die Renaissance war vielmehr mit einem ganz neuen Lebensgefühl verbunden. Als kulturelle Bewegung würde sie wohl missverstanden werden, wenn man die "Renaissance" allzu wörtlich nehmen würde, nämlich als Wiedergeburt der Antike im Sinne des Wiederauftauchens des längst Verstorbenen, das an Jahren z.T. noch um einiges älter war als das Evangelium des damals schon vor anderthalb Jahrtausenden gekreuzigten Jesus. Die Renaissance war kein nostalgischer Wiederbelebungsversuch an einer nach vielen Jahrhunderten exhumierten griechisch-römischen Antike, auch keine bloß respektvolle Verehrung des Uralten. Es liegt vielmehr nahe, schon die Frührenaissance als eine Bewegung zu verstehen, in der antikes Gedankengut und antike Lebensweisen als gegenwärtig relevante und sogar politisch attraktive Alternative zum christlichen Glauben und zur katholischen Staatskirche ins Spiel kamen, ganz humanistisch verstanden als das Neugeborenwerden eines neuen Menschen hier und jetzt, eines Menschen, der sich nicht bloß an eine Antike anlehnte, die er als mögliche Alternative verstand, sondern darüber hinaus sich zutraute, sich auch unabhängig davon selber neu zu definieren. Der Bezug auf die Antike diente also eher dazu, sich durch den Bezug auf noch ältere Autoritäten eine Legitimation für Neues zu verschaffen, neu im Vergleich zum überkommenen Christentum und der von ihm geprägten mittelalterlichen Kultur. Dem kam das Gedankengut der Antike insofern entgegen, als es in vielen Hinsichten nur chronologisch "älter", inhaltlich und formal aber "moderner", der Jetztzeit und Zukunft angemessener war als das auch damals immer noch etwas nomadentümliche, also alles andere als weltstädtisch-weltbürgerliche Christentum. Den Künstlern, Wissenschaftlern und Philosophen der Renaissance ging es also im Grunde um Gegenwärtiges, um Modernität, um die Möglichkeit, hier und jetzt anders sein und anders handeln zu können.

Der Zug zur Moderne zeigte sich auch darin, dass die Geographie der damaligen Weltkarten immer weniger zentripetal auf Rom oder Jerusalem hin orientiert war, sondern die inzwischen mehr zentrifugale Lust am Entdecken und Erobern neuer und fremder Länder widerspiegelte. Er bestand auch in der Entwicklung neuer Techniken z.B. des Buchdrucks, von Johannes Gutenberg um 1445 erfunden, oder in der Übernahme anderer Techniken von darin fortschrittlicheren Ländern wie China. Die Abkehr vom "alt" gewordenen Kirchenlatein führte zu der zunehmenden Wertschätzung und literarischen Verwendung der Nationalsprachen, angefangen schon früh bei dem Italiener Dante ("De vulgari eloquentia", gedruckt erst 1525), später in Martin Luthers Flugschriften in deutscher Sprache (1518) und in der Bibelübersetzung zunächst des Neuen (1522), später des Alten Testaments. In Frankreich erschien 1549 Joachim Du Bellays "Deffence et illustration de la langue francoyse", worin er sich für eine französische Nationalsprache einsetzte. Im Zusammenhang damit sind auch die volkssprachlich gesungenen, mit verschiedensten Instrumenten begleiteten, mit Trommeln und anderem Schlagzeug rhythmisch akzentuierten und daher gut tanzbaren Madrigale zu erwähnen, eine damals sehr moderne mehrstimmige weltliche Musik, die sich deutlich abhob (man könnte sagen: sich emanzipierte) von dem zuvor kirchlich-mönchischen gregorianischen Chorgesang und von den an biblisch-liturgische Texte gebundenen Motetten. Insgesamt war die Renaissance also weniger die "Wiedergeburt" eines Alten als vielmehr das Neugeborenwerden des Zukünftigen, und allerorten, auch in Frankreich, war sie eine kulturelle Glanzzeit!

Neben den aufkommenden Nationalsprachen behielt das Lateinische seinen Rang als die Sprache der Vulgata, der ins Lateinische übersetzten Bibel, und der römisch dominierten christlichen Kirche und ihrer Liturgie, z.T. reduziert auf ein Kirchenlatein, das als "Küchenlatein" auch von einigen Laien verstanden werden konnte. Die gehobene lateinische Sprache des Caesar, Tacitus, Cicero, des Horaz und des Ovid und vieler anderer römischer Schriftsteller und Geistesgrößen war aber inzwischen zur lingua franca, zur internationalen Verkehrssprache der Intellektuellen geworden, zur Sprache der Rechtskundigen, der Diplomaten (und ihrer Urkunden), der Wissenschaftler und Philosophen, vergleichbar der Rolle des Englischen in unserer Zeit. Über die Grenzen der Nationalität und sogar der religiösen Orientierung hinausgehend konnten sich die lateinisch Gebildeten miteinander verständigen, sogar über Glaubensdifferenzen diskutieren, und solchen Diskurs oder seine Ergebnisse und Folgerungen in einer allerorten lesbaren Schriftform festhalten. Es entwickelte sich so eine Internationale der Intellektuellen, der Wissenschaftler und "Führungskräfte", die zumeist über die Kenntnis des Lateinischen hinausgehend sprachbegabt und polyglott waren, in vielen Sprachen belesen, in guten Sitten kultiviert, miteinander korrespondierend, einander zitierend, und aus solcher Offenheit heraus auch reiselustig, mit dem Ergebnis einer zunehmenden Ausweitung von transkulturellen und internationalen Freundschaften und geistigen Verwandtschaften.

Diese geistige Erneuerung wurde auch von einigen bedeutenden Frauen mitgetragen, bedeutend in ihrer geistigen Ausstrahlung oder auch in ihrem politischen Einfluss. Was Frankreich betrifft, wäre zum ersten Margarete von Navarra (1492 - 1549) zu nennen, die Schwester des Königs Franz I. von Frankreich. Sie war sprachbegabt und hoch gebildet, kannte die moderne italienische Literatur, auch die der florentinischen Neuplatoniker, die sie ins Französische übersetzen ließ, und galt mit ihrem "Heptameron" und ihren Gedichten als feinsinnigste Schriftstellerin ihrer Generation. Als Königin von Navarra gewährte sie auf ihrem Hof in Nerac verfolgten Protestanten Zuflucht. Lacouture (S. 44) deutet an, dass auch Montaigne, der mit ihrem Enkel, dem späteren Heinrich IV. von Frankreich, befreundet war, von ihr unterstützt wurde. Zum zweiten ist an Katharina von Medici (1519 - 1589) zu erinnern, die Tochter des Lorenzo II. von Medici. Sie stammte aus einem durch Bankgeschäfte reich gewordenen und politisch mächtigen Patriziergeschlecht aus Florenz. Ihr Urgroßvater Lorenzo I. der Prächtige, selber schon umfassend humanistisch gebildet und literarisch tätig, förderte Humanisten wie Pico della Mirandola und Künstler wie Botticelli und Michelangelo. Es ist anzunehmen, dass auch in Katharina diese Tradition noch lebendig war, und dass sie daher für humanistische Bestrebungen aufgeschlossen war. In der Zeit, als sie als Ehefrau von König Heinrich II. von Frankreich und vor allem nach dessen Tod als Regentin ihrer noch unmündigen Söhne einen großen Einfluss auf die Regierungsgeschäfte hatte, gehörte sie, unterstützt von ihrem Kanzler Michel de L'Hospital, zunächst noch zu den Verfechtern von mehr Toleranz gegenüber der Reformation, und auch sie war wohl dem M. de Montaigne wohlgesonnen.

Nicht nur die Intellektuellen und im engeren Sinne die Philosophen, sondern auch die weltlichen und sogar einige kirchliche Herrscher entwickelten eine bemerkenswerte Toleranz gegenüber Meinungsunterschieden, solange diese für Machtfragen irrelevant waren und nicht allzu deutlich mit einer absolut gesetzten "Wahrheit" kollidierten. Sogar einige Päpste in Rom schätzten geistiges Niveau unabhängig von der religiösen Orientierung, unterstützten als Mäzene die künstlerische und geistige Ungebundenheit, standen tolerant über den Dingen, solange nicht ihre Macht dadurch in Frage gestellt wurde. So glichen etwa Julius II. und Leo X. als Renaissancepäpste mehr den weltlichen Fürsten als den von ihnen dennoch gelegentlich zitierten Heiligen und Kirchenvätern. So mancher Kirchenkritiker (möglicherweise später auch Montaigne) konnte sich in der Zwickmühle sehen, ob er sich nicht lieber ein aufgeklärtes, kunstsinniges Renaissance-Papsttum wünschen sollte als einen protestantisch-bilderstürmerisch-hinterwäldlerischen, heute würden wir sagen: fanatisch fundamentalistischen Calvinismus.

Übrigens war auch die Reformation zunächst humanistisch in ihrer Abkehr vom römisch-katholischen Zentralismus und Integralismus: die Protestanten waren im Ansatz sogar basisdemokratisch in ihrem Bestehen auf Selbstbestimmung der Gemeinden auch bei der Wahl des eigenen Pfarrers und in der Verwendung der für alle "Laien" verständlichen Volkssprache im Gottesdienst. Die geistige Elite Frankreichs fand daher die Reformation attraktiv: "Die Universitäten waren von den Anhängern der Reformation unterwandert..."(Lacouture, S. 86), und "die Glaubenslehre der Hugenotten fand vor allem in (den) eigenen Reihen (der noch katholischen Führungsschicht in SW-Frankreich) immer mehr Anhänger" (ebd. S. 111). So hatte die Reformation in Form des Kalvinismus breite Schichten des Bürgertums und Teile des Adels erfasst. Die französischen Protestanten, die Hugenotten, vertraten die ständisch-aristokratische Opposition gegen das Königtum und den höheren katholischen Klerus.

Die Unterscheidung zwischen katholischen und protestantischen Christen war aber noch keineswegs klar abgegrenzt oder über die Zeit stabil. Lacouture betont, dass in der Zeit um die Jahrhundertwende (1500) und noch bis in die Zeit der Religionskriege "die beiden französischen Lager eng miteinander verflochten (waren), insbesondere in Kreisen Intellektueller... Wer heute noch seinen katholischen Glauben verkündete, konnte morgen schon (umschwenken und) in den Reihen der Reformation stehen, und mancher Protestant kehrte in die Dienste des Königs (in Paris) zurück", um seinen staatsbürgerlichen Pflichten nachzukommen (S. 85/86).

Neben den humanistischen Aspekten der Reformation gab es in meiner Sicht auch eindeutig negative: So war die protestantische Richtung zwar reformatorisch gegenüber einigen Mängeln des Katholizismus, sie war aber für sich genommen anfällig für Schwächen anderer Art. Durch ihren fundamentalistisch engen Bezug auf die in die Volkssprachen übersetzte Bibel waren die Protestanten strenger monotheistisch, und damit vergleichbar den Juden des Alten Testaments, als die Katholiken, die über die Marien- und Heiligenverehrung polytheistische Tendenzen zugelassen und schließlich gefördert hatten. Von Bedeutung war auch, dass sich beide Konfessionen aus ihrem jeweiligen Eigeninteresse die Machtansprüche der Fürsten und Könige zunutze machten, wie auch umgekehrt die Herrscher versuchten, die Kirchen für ihre eigenen Ziele zu instrumentalisieren. So erlangte Franz I. von Angouleme (1515 - 1547) durch das 1516 mit Papst Leo X. geschlossene Konkordat entscheidenden Einfluss auf die Besetzung der Bistümer und auf die Verwendung der kirchlichen Einkünfte. Damit wurde die Kirche in Frankreich für fast 300 Jahre zu einem monarchischen Herrschaftsinstrument. In seiner Außenpolitik war derselbe König aber religiös großzügig: er erlaubte sich, Bündnisse auch mit den muslimischen Türken und mit den protestantischen Reichsständen zu schließen. 1515 hatte er das Herzogtum Mailand erobert und war dadurch in Kontakt mit der italienischen Renaissance gekommen. Sein Herrscherbewusstsein äußerte sich in einem großzügigen Mäzenatentum, das den geistigen und wissenschaftlichen Bestrebungen der Renaissance in Frankreich Eingang verschaffte. Er förderte die humanistischen Studien durch die Begründung des College de France. So weit, so gut, denn das konnte natürlich zusätzlich dazu beitragen, die geistliche Macht der christlichen Kirchen in Frage zu stellen und zu mindern. Ansonsten trat er aber der Ausbreitung der Reformation mit wachsender Entschiedenheit entgegen.

Und da gab es neben den Errungenschaften der Renaissance und der Reformation weiterhin noch eine andere, dunkle Seite: neben dem vor allem an den Höfen und unter Intellektuellen blühenden Humanismus gab es abseits der kulturellen Zentren immer noch "tiefstes Mittelalter" wie schon seit Jahrhunderten, z.T. von eben der römischen Zentrale gefördert, die in der gleichen Zeit zuließ, dass einzelne Päpste zu Renaissancefürsten und Kunstmäzenen werden konnten. Es gab den von Luther bekämpften Ablasshandel, es gab Hexenverbrennungen (so 1505 bei Nürnberg), Ketzerverbrennungen (so 1523 in Brüssel), es gab die Not und die Aufstände der Bauern (1525 in Deutschland und Tirol). In Spanien war die an die früheren Ketzerverfolgungen anknüpfende Inquisition schon seit 1478 eine staatliche Einrichtung unter einem Großinquisitor und ein wichtiges Machtmittel zur Verfolgung der Marranen (der zwangsgetauften spanischen und portugiesischen Juden), der Morisken (der zwangsgetauften, vormals muslimischen Mauren) und der Protestanten. Die Verfolgung gipfelte in Vertreibungen dieser religiösen Gruppen aus Spanien (1492) und Portugal (1497), und im Zuge der späteren Gegenreformation wurden ab 1609 die noch im Lande verbliebenen Mauren, an die 275.000, nach Nordafrika ausgewiesen. Die Inquisition blieb nicht auf Spanien beschränkt; sie verstärkte ihren Einfluss auch in Italien und in Frankreich, wo eine immer borniertere Abwehr gegen die Neuerungen, mit Verfolgung der Andersdenkenden und mit Bücherverbrennungen, reformatorisch gesinnte Menschen tief verunsichern und deprimieren musste. Es kam zu einem für jeden freien Geist lebensgefährlichen Zusammenspiel von religiösen Eiferern, aufgehetzten Volksmassen, militärischen Führern, von kommerziellen Institutionen, die nur darauf warteten, die Güter und Vermögen der Nicht- oder Andersgläubigen zu konfiszieren, und von armen Menschen, die sich während eines Pogroms bei einer Plünderung immerhin einiges für sich selbst abzuzweigen versuchten. Dazu kam der in solch schlimmen Zeiten aufgerührte Bodensatz von sadistischen Folterern und ihren sensationsgeilen Zuschauern, von Mordbrennern und Totschlägern, von schwachsinnigen und psychopathischen Mitläufern und Mittätern, und vor all diesem konnte auch Montaigne, wie wir noch sehen werden, begründete Angst haben.

Diese Situation wurde zusätzlich dadurch verschärft, dass die von Luther (1517), Zwingli (1519) und Calvin ausgegangene, zunächst noch auf engere Kreise beschränkte Reformation sich bald in alle Schichten der Bevölkerung ausbreitete. Allmählich entwickelte sich ein Bewusstsein für konfessionelle Unterschiede, die auch keine Privatsache mehr blieben, sondern auf protestantischer Seite zur Gemeindebildung und zum Landes- und schließlich Staatskirchentum führten, was zur Vertiefung der konfessionellen Unterschiede bis zur Gegensätzlichkeit beitrug. Es kam zu regionalen Glaubensspaltungen innerhalb eines Landes, so 1531 in der Schweiz zwischen evangelischen und katholischen Kantonen, und entsprechend auch in Frankreich, wo dem konservativ-katholischen Zentrum in Paris und im Norden und Osten Frankreichs ein protestantischer Südwesten in der Provinz Guyenne (dominiert von dem seit 1560 protestantischen Königshaus von Navarra) gegenüberstand. Diese Bereiche waren allerdings nicht klar voneinander abgegrenzt, sondern entsprachen eher einem Flickenteppich von örtlichen religiösen Verschiedenheiten (Lacouture S. 253), ähnlich der Verteilung von bosnisch-muslimischen, serbisch-orthodoxen und kroatisch-katholischen Siedlungsgebieten im ehemaligen Jugoslawien und speziell in Bosnien, und mit der gleichen Entflammbarkeit und Explosionsgefahr wie dort!

Die immer stärkere Ausbreitung der Reformation ließ im Katholizismus entsprechend verstärkte Abwehr- und Gegenbewegungen aufkommen. Sie hatten eine lang zurückreichende Vorgeschichte: schon seit Jahrhunderten bekämpfte das Christentum außerchristliche, insbesondere jüdische und islamische religiöse Orientierungen, und es verfolgte sogar mit gleicher Intensität auch innerkirchliche Versuche der Kritik und Erneuerung des christlichen Glaubens. Allein dass diese Versuche "unorthodox" waren, genügte den Verteidigern des rechten Glaubens, um sie als "Häresie", als "heidnische Ketzerei" zu verteufeln. Besonders die Inquisition setzte sich für die Bekämpfung des "Unglaubens" und für die Zwangsmissionierung der Andersgläubigen ein. Im 16. Jahrhundert (nach 1519) engte sich die Zielrichtung solcher Abwehr auf die Bekämpfung der Reformation und der protestantischen Kirchen ein. Die katholische "Gegenreformation", korrekter als "Reformationsabwehr" zu bezeichnen, versuchte mit neuen Kräften und notfalls mit Gewalt, den Katholizismus wieder allgemein durchzusetzen und die so verstandene Einheit des christlichen Glaubens wiederherzustellen. Der 1534 wiederum in Spanien gegründete Jesuitenorden verstand sich ausdrücklich als Streiter für die Gegenreformation. 1542 wurde in Rom das Sanctum Officium als oberste Instanz für alle Glaubensgerichte eingesetzt, um dem Kampf gegen die Ketzer eine zentrale Orientierung zu geben. Unter Papst Paul IV. (1555 - 1559) wurde die Inquisition wieder verstärkt durchgeführt, vor allem in den von Spanien beherrschten Ländern. Dieser Papst erließ 1559 den "Index librorum prohibitorum", ein Verzeichnis der vom Heiligen Stuhl für Katholiken verbotenen Bücher. Solche Bemühungen um Rekatholisierung gab es mit zunehmendem Einfluss in allen europäischen Ländern. Mit Hilfe staatlicher Machtmittel versuchte die katholische Kirche, die protestantisch gewordenen Territorien wieder in den katholischen Einflussbereich einzugliedern.

In Frankreich kulminierte die Verfolgung der calvinistischen Hugenotten im Blutbad von Vassy (1562) und in den anschließenden "Hugenottenkriegen" (es waren nicht so sehr Kriege der Hugenotten, sondern eher Kriege des konservativen Katholizismus und der sich für ihn einsetzenden Herrscher gegen die Hugenotten!). In der Bartholomäusnacht (1572) wurden Zehntausende Hugenotten ermordet. Dieses gegenreformatorische Pogrom entschied in Frankreich letzten Endes den Religionskrieg für die katholische Kirche. In Deutschland erreichte die Reformationsabwehr ihren Höhepunkt im Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648), der nach ungeheuren Verlusten für die Zivilbevölkerung schließlich in einem "Patt" zwischen Katholiken und Protestanten endete. In dieser Zeit der religiösen Wirren wuchs in Frankreich Michel de Montaigne auf, mit dessen Herkunft und Werdegang ich mich im Folgenden befassen werde.