2.5.3.13. Seine geistigen Nachkommen

Es folgen nun noch ein paar dieses Kapitel abschließende und zugleich weiterführende Bemerkungen zu den geistigen "Nachkommen" von Michel de Montaigne (ich stütze mich dabei auf Angaben des "Brockhaus"). In literarischer Hinsicht mag der französische Dichter La Fontaine (1621 - 1695) Anregungen von M. aufgenommen haben: in seinen Schwänken, Märchen und Fabeln bezieht auch er seine Motive aus antiken Vorbildern, überträgt und imitiert er antike Muster. In seiner bildhaft-anschaulichen, aber lakonisch knappen Sprache mit umgangssprachlichen Elementen kommt er zu Aussagen, die nicht moralisierend sind, sondern in denen er die moralische Bewertung dem Leser überlässt.

M.s philosophischen Ansätzen begegnen wir wieder bei dem französischen Philosophen Pierre Bayle (1647 - 1706). Mit seinen freisinnigen und skeptischen Ansichten war er einer der einflussreichsten Wegbereiter der Aufklärung. Er bekämpfte jeden Dogmatismus, propagierte die Trennung von Kirche und Staat und forderte unbedingte Toleranz auch gegenüber Atheisten. In seinem Buch "Montaigne and Bayle. Variations on the theme of skepticism" (New York 1963) befasst sich C. B. Brush vergleichend mit diesen beiden Philosophen.

Wiederum stilistisch lässt sich der englische Dichter Laurence Sterne (1713 - 1768) mit M. vergleichen. Er wurde als Domherr "mit sinnesfrohem Lebenswandel" charakterisiert, und dies kennzeichnet auch sein bekanntestes Werk "Tristram Shandy", eine fiktive Autobiographie, in der er sich eine Fülle eingestreuter Anekdoten und reflexiver Abschweifungen erlaubt und das Leben des Helden und seiner Umgebung in ironisch-humoristischer Grundhaltung beschreibt.

Als weiterer Nachfolger wäre zu nennen der französische Philosoph und Schriftsteller Denis Diderot (1713 - 1784). Formal angeregt von L. Sterne ist Diderots Roman "Jakob und sein Herr". Auch hier wird die Handlung ständig durch Anekdoten, weltanschauliche Überlegungen und Dialoge des Autors mit dem Leser unterbrochen und in einer dialektisch unabschließbaren Denkbewegung weitergeführt. Inhaltlich zeigt sein Briefroman "La Religieuse" (dt. "Die Nonne") eine massiv antikirchliche Tendenz mit der Kritik an der Pervertierung menschlicher Natur durch falsche Frömmigkeit. Bekannter geworden sind Diderots maßgebliche Beiträge zur "Enzyklopädie", in denen er aufklärerische Ideen vom Fortschritt der Wissenschaften und des menschlichen Geistes vertritt in der Überzeugung, das menschliche Denken gegen Irrlehren, Vorurteile, Unterdrückung und Fanatismus seiner Selbstbestimmung zuführen zu können. So stellt er im Artikel "Autorité" das Recht, über vernünftige Menschen mit Gewalt zu bestimmen, kritisch in Frage und proklamiert die Freiheit jedes Menschen, von seiner Vernunft Gebrauch zu machen. Bedingt durch ihre kritisch-undogmatische Grundtendenz erschienen mehrere seiner Werke erst nach seinem Tod, was noch einmal deutlich macht, wie gefährlich es in diesen Zeiten war, kritisch zu denken und offen darüber zu sprechen und zu schreiben.

Im deutschen Sprachraum war Georg Christoph Lichtenberg (1742 - 1799) ein unabhängiger Vertreter der Aufklärung von universaler Bildung. In satirischen Aufsätzen bekämpfte er die religiöse Intoleranz. Auch mit den sehr freien und treffenden Aphorismen in seinen Tagebüchern, die er "Sudelbücher" nannte, trug er zu einer kritischen Durchleuchtung seines Zeitalters bei.

In einem noch nicht fertiggestelltem Kapitel will ich später versuchen, ausführlicher kritisch nachzuzeichnen und zu analysieren, wie Friedrich Nietzsche (1844 -1900) solche Anregungen aufgegriffen und weitergeführt hat.