2.5.5.2. Die Familie

Die älteste Form des Zusammenkommens, Zusammenwirkens und Zusammenbleibens von Menschen ist die Familie. Die Mutter-Kind-Beziehung als Kern späterer Familienbildung ist mindestens so alt wie der Stamm der Säugetiere, die ja vom Säugen der Mütter und vom Saugen ihrer Babys, von dieser so bemerkenswerten Mutter-Kind-Beziehung, ihren Namen haben. Möglicherweise schon vorher gab es ähnlich enge Mutter-Kind-Beziehungen auch bei einigen Sauriern und nach ihnen bei den Vögeln, bei diesen mit dem Ausbrüten der Eier mindestens bis zum Ausschlüpfen der Jungvögel; aber bei den Nesthockern werden die Jungvögel noch eine ganze Zeit weiter von den Elterntieren "gehudert" und gefüttert. Sogar der elterliche Einsatz von Vätern für ihren Nachwuchs ist eine schon alte Errungenschaft der Stammesentwicklung, und der Schutz der Mutter und ihres Babys gegen äußere Gefahren ist bei vielen höheren Säugetieren, vor allem bei den Primaten, zu denen auch die Menschen gehören, weit verbreitet, nicht erst bei den Menschenaffen. In diesen Tiergruppen kümmern sich nicht nur die eigene Mutter (die Gebärerin) und der Vater (der Erzeuger) um ihre Kleinen, sondern auch andere Mitglieder der Großfamilie oder Sippe, nicht nur Schwestern und "Tanten", sondern auch "Onkels" beteiligen sich an der Versorgung und dem Schutz der Jungtiere. Diese lange biologische Vorgeschichte macht verständlich, dass Mutterliebe den Menschenmüttern nicht als Gebot nahegelegt werden muss. Manchmal sollte sie sogar an einem für das Kind schädlichen Luxurieren gehindert werden! Aber auch ein helfender Einsatz des Mannes für seine Frau und seine Kinder ist so naheliegend, dass man eher erforschen sollte, unter welchen Bedingungen er nicht oder nicht genügend sicher und nachhaltig zustande kommt.

Das "familiäre" Zusammenwirken von Mann und Frau hat mehr mit dem Kinderhaben als mit der Sexualität zu tun, denn Sexualität gab es schon lange bevor Tiere erstmals die Fähigkeit entwickelt hatten, ihren Nachwuchs gemeinsam aufzuziehen, und noch bei einigen in höheren Breiten lebenden Tierarten, z.B. verschiedenen Bären, treffen sich die Sexualpartner nur einmal im Jahr in einer kurzen Zeit der Brunft und Paarungsbereitschaft, ohne eine den Vater einschließende Familie zu bilden. Dagegen wird insbesondere beim Menschen die Zusammenarbeit von Mann und Frau weit über die sexuelle Attraktion und den sexuellen Vollzug hinausgehend beibehalten, schließlich sogar bis in ein Alter, in dem die "Kinder" schon längst selbständig sind und schon selber Kinder haben können. Dann bekommt die Familie und insbesondere die weiterhin zusammenhaltende Großfamilie oder Sippe als eine Gruppe mit arbeitsteiliger Kooperation den Charakter eines Teams. Beim Menschen ist die Familie somit die älteste, ubiquitär verbreitete und immer noch primäre Art der Gesellung. Die ursprüngliche Familie war weit entfernt von ihren heutigen Restformen wie dem kinderlos bleibenden Ehepaar, der ihr Einzelkind alleinerziehenden Mutter, oder der Kleinstfamilie mit Mutter, Kind und Vater. Anfänglich war sie vielmehr eine Familie von Frau und Mann mit mehreren Kindern - wenn schon, dann schon! - , auch mit den für diese Kernfamilie verfügbaren Großeltern, Tanten und Onkels, Freunden und Nachbarn. Für familiäre Beziehungen ist der von der Psychoanalyse so überbetonte, aber wohl eher geringe (da nur wenige Zentimeter messende!) Unterschied zwischen dem weiblichen und dem männlichen Geschlecht gar nicht so allein entscheidend, denn auch zwei Schwestern oder Freundinnen könnten nach dem Verschwinden der Erzeuger oder nach dem Heldentod der Väter ihrer Kinder darangehen, mit ihren Kindern eine Familie zu bilden, gelegentlich auch die drei Generationen von Großmutter, Mutter und Kind (dem Enkelkind der Oma). Familien zeichnen sich im positiven Falle durch eine Vielzahl von kleineren und größeren Unterschieden ihrer Mitglieder aus: eine Familie schließt in der Regel Blutsverwandte und Angeheiratete, sogar recht Fremde ein, die Geschwister können Jungen und Mädchen sein, zweieiige und sogar eineiige Zwillinge bzw. Mehrlinge, Familien können Neugeborene und Greise einschließen, Starke und Schwache, Gesunde und Kranke oder auch Behinderte, Genies und geistig Minderbemittelte (die sich früher auf den großen Bauernhöfen immer noch wenigstens mit Hoffegen nützlich machen konnten), einfach solche und andere Menschen. Andere Unterschiede sind mehr sozialer Art: im Elternpaar können sich Katholiken und Protestanten zusammengefunden haben, SPD- und CDU-Wähler, Ossis und Wessis, seit Jahrhunderten Deutschstämmige und Ausländer (Türken, Italiener, Serben, Iren, Puertorikaner, Bayern etc.) der ersten, zweiten oder dritten Generation, auch schon längst eingedeutschte "Franzosen" (v. Savigny, Lafontaine) oder "Polen" (Wischnewski, Glogowski) etc.

Mit "Familie" ist hier also eine Gruppe gemeint, in der auch recht verschiedene Menschen miteinander verbunden sind und miteinander etwas zu tun haben können, unterschiedlich in Geschlecht, Alter, Herkunft, Bildungsgrad, Beruf und manchem anderen, auch verschieden in ihren je spezifischen Eigeninteressen und Außenbeziehungen. Denn die Beziehungen (Relationen) sind bei den "relatives", wie bei den Engländern die Verwandten genannt werden, wichtiger als die Sexualität oder die "Blutsverwandtschaft" (oder Genom-Übereinstimmung). Die Familie ist auch, das sollten wir bedenken, älter als die Ehe, vor allem wenn unter "Ehe" noch weiterhin patriarchalisch die Herrschaft eines Mannes über seine Frauen verstanden wird. Alles in allem eignet sich die Familie sehr gut als Modell für das Miteinander der Verschiedenen, und ihre Überschaubarkeit trägt dazu bei: Es sind heutzutage meist nicht mehr als 10 Personen als Familie miteinander verbunden, und man kann ihre Namen ohne große Mühe erinnern und aufzählen, und meist können sie Platz an einem großen Tisch finden!

Das führt uns zu einem weiteren wichtigen Punkt: Damit die Familie als angemessenes Abbild oder Modell der Relationalität des Ganzen dienen kann, muss noch etwas Anderes dazu gehören, nämlich ihr ganzes Drumherum, ohne das sie keinen Bestand haben könnte. Zur Familie gehört wenn irgend möglich ihre Wohnung mit Wohn- und Schlafraum, Klo und Bad, unter günstigen Umständen das eigene Haus. Als unser Leben noch bäuerlich bestimmt war, sprach man vom "Ganzen Haus", das neben der Bauernfamilie auch das Gesinde mit einschloss, und in einem übertragenen Sinne prägte M. Gorbatschow die Formel vom "Haus Europa", was Vertrautheit und Gemeinschaft unter den europäischen Nationen signalisieren sollte. Moderne Formen von "Familie im Haus" sind die Wohngemeinschaft, in der sich befreundete Einzelne oder auch Restfamilien zusammengetan haben, oder die Hausgemeinschaft von mehreren Familien, die einander helfen und auch gern miteinander feiern. Das Haus kann auch ein Hausboot sein, ein größerer Wohnwagen, ein stabiles Zelt...

Das Haus ist nicht isoliert, es ist mit der Außenwelt eng verbunden mit Post und Telefon, Radio, Fernseher und Zeitung, und nicht zu vergessen, durch Bücher! Zum Haus, vor allem zum eigenen, gehört auch der Garten, sowie Grund und Boden, die Nachbarschaft, das eigene Viertel, sogar die Kirche im Dorf, aber auch die Kneipe mit dem Stammtisch und den Gesprächen über Fußball oder in vorgerückter Stunde auch über Gott und die Welt. Das Haus hat zum tragenden Grund auch so etwas wie "unser Ländle", die Heimat, wo die typische Landschaft und der Dialekt, das örtliche Klima und die ortsüblichen Feste, etwa der Karneval, zu einer besonderen Vertrautheit beitragen. Aber auch das bisher Fremde kann an Fremdheit verlieren. Es gibt schon viele Menschen, die sich in den verschiedensten Orten unserer Erde heimisch fühlen können, wenn sie dort auf Leute treffen, die in ähnlicher Weise sich auch als Angehörige der Menschheit verstehen und sich danach verhalten.

Über die Familie und ihr "Haus" und ihre Heimat hinausgehend gibt es als Orientierung dienende Entsprechungen bis in den Himmel, wo seit jeher die Götter "wohnen" (ein paar auch im Hades oder in der Hölle, das ist schon ganz recht so!). Auch die himmlische Götterfamilie der polytheistischen Religionen kann daher als Abbild dienen für Differenzierungen und Relationen innerhalb eines Ganzen. Das wird erleichtert durch die überschaubare Zahl der himmlischen Akteure z.B. im griechischen Pantheon und durch die Erkennbarkeit und Unterscheidbarkeit der einzelnen göttlichen Familienmitglieder. Die "himmlische" Orientierung wird für die daran glaubenden Menschen erleichtert durch die "Zuständigkeiten" der einzelnen Götter: es gibt Spezialisten für den Sex, eher männlichen Geschlechts, und solche für den Kindersegen, eher Frauen. So hat eine Muttergöttin schon mehr als andere Götter mit dem Kinderkriegen und inzwischen vielleicht auch schon mit der Empfängnisverhütung zu tun, ein Gott wie Mars hat dagegen engere Beziehungen zum Krieg und zu den Waffen, und Hades zum Tod; andere helfen gegen Krankheiten oder setzen diese als Strafen ein, und als himmlischer Bankfachmann ist irgendwann einer wie Mammon aufgetreten. Noch heute können im Vollzug der karibisch-brasilianischen Voodoo- und Macumba-Kulte einzelne dieser Götter nacheinander und dann zusammen in Erscheinung treten, indem die in Trance geratenen Tänzer nach Ankündigung und Anregung durch spezielle Trommelrhythmen von ihnen "geritten" werden.

Wie in einer normalen (oder etwas chaotischen!) Familie haben auch die Götter Beziehungen untereinander und interagieren in z.T. dramatischen Szenen, in denen sich wie in einer himmlischen Seifenoper menschliche Konflikte und Konfliktlösungen abbilden lassen. Denn auch zwischen den Göttern kann es zum Streit um Zuständigkeiten kommen, da gibt es Konkurrenz und Eifersucht (Jahwe ist ein besonders eifersüchtiger Gott, er läßt keinen anderen neben sich gelten!). Dann können Vermittler dazwischentreten, Autoritäten ein Machtwort sprechen. Daneben laufen heimliche Intrigen und böse Machenschaften, von denen nicht nur die anderen Götter, sondern auch die Menschen betroffen sein können, die sich entsprechend hüten müssen, für den falschen (den schwächeren!) Gott Partei ergriffen zu haben. Aber tröstlich ist, dass Götter auch mal "Pech" und auch "Glück" haben können; auch sie können momentan schwächer oder auch stärker sein, was wohl von der Intensität der Gebete und Opfer ihrer Gläubigen abhängt, und daher können sie den Menschen auch mal weniger gut oder aber doch überraschend wirksam helfen. Wie viel Götter mögen es sein? Es wäre ganz angemessen, wenn der einzelne Mensch nicht viel weniger und auch nicht viel mehr als 7 Götter hätte, denn auf 7 Götter kann man sich ganz gut einstellen, und mit 7 Göttern kann man zurechtkommen, mal mit diesem besser, mal mit jenem.

Wenn ich diese eigenen Spekulationen mit Hilfe das theoretischen Ansatzes von Ernst Topitsch (Vom Ursprung und Ende der Metaphysik) analysiere, so unterscheiden sie sich deutlich von Weltbildern, die von ihm als "biomorph", "technomorph" oder "intentional" bezeichnet wurden; am ehesten sind sie "soziomorph", weil sie dazu tendieren, die Unterscheidung und das Zusammenwirken einiger Wesentlichkeiten vor der Folie familiärer Beziehungen zu betrachten, also in Bildern, die den kleineren Einheiten menschlicher Gesellungen entsprechen. Ich hoffe, dass ich die guten Gründe für diese Wahl einsichtig gemacht habe; sie haben auf abstrakt-philosophischer Ebene mit der Diversität des Seins zu tun, das zugleich als Ganzes erfahren werden kann. Aber es ist zugleich nützlich und beruhigend, dass die Familie seit jeher und weiterhin weltweit als Verbindung von Beziehung und Ganzheit von jedem Menschen erfahren werden kann und somit auch für Nicht-Philosophen als ein vertrautes Bild und verständliches Modell für solche Zusammenhänge dienen kann.