2.5.6. Ausblick

Am Ende meines Buches will ich mich auf seinen Anfang besinnen. Auf den ersten Seiten ging es mir um den "Japanischen Woolingstek", um einen Knüddelknoten, mit dem ich bildhaft den Anschein der Überkompliziertheit und Unübersichtlichkeit unserer Welt aufzeigen wollte. Denn die Welt läßt sich offenbar nicht als eine Kette von Bedeutsamkeiten verstehen, die an nur einem Roten Faden angeordnet werden könnten. Es wäre zu einfach, wenn man die Phänomene der Wirklichkeit quasi wie Perlen aufreihen könnte an einem einzigen Faden, der an einem Ende anfängt und nach vielen Windungen und vielleicht auch Knoten dann an seinem anderen Ende aufhört. Aber das Sein ist auch keine undurchschaubare Wirrnis. Um es etwas besser zu verstehen, und um die Vielfalt der Phänomene wenigstens in ihren wichtigsten Aspekten verständlich darzustellen und um sie aufeinander beziehen zu können, reichen vielleicht erst einmal 7 Hauptfäden aus, quasi neben dem roten auch noch ein schwarzer, ein gelber, ein grüner, ein blauer, ein weißer und ein in sich bunter. In unserer Wirklichkeit können mehrere Aspekte unterschieden, also mehrere Fäden verfolgt werden, und wenn es uns gelingen sollte, dieses Ineinander und Durcheinander etwas zu entwirren, fänden wir mehrere Fäden vor und daher mehr als einen Anfang und mehr als nur ein Ende. Es sind, immer noch in diesem Bild gesprochen, verschiedene Fäden, die einander in Knoten berühren und so ein mehrdimensionales Netzwerk an Beziehungen und Beziehbarkeiten bilden, mit engen Parallelführungen und mit beziehungslosen Überquerungen, aber auch mit allmählichen Einfädelungen von der einen zur anderen Spur (wie auf der kreuzungsfreien Autobahn), mit Verdichtungen in einer Vielzahl von Knoten, aber auch mit leeren Zwischenräumen, die noch frei sind für neue Verknüpfungen auch des weniger Naheliegenden. Es sollte ein lockeres und leichtes Netz sein, das wir denkend über die Dinge und Wesen legen, das die Dinge, Wesen und Bedeutungen im Grunde so sein lässt, wie sie von sich aus sind, das sie nicht einschnürt oder festzurrt, sondern ihnen Freiraum und damit Möglichkeiten der selbstbestimmten Bewegung sichert.

Es war ein weiter Weg mit vielen Umwegen, Sackgassen und auch Rückschritten: vom all-einzigen Monotheos hin zur Pluralität der Seinsbereiche und ihrer Werte. Eines der Ziele, dass Menschen in ihrer Verschiedenheit gut miteinander auskommen, ist noch längst nicht von allen Menschen und Gruppen erreicht. Wir müssen uns wohl dreinschicken, dass dies nur über eine Welt der verschiedenen Geschwindigkeiten erreicht werden kann, in der diejenigen, die schon weiter gekommen sind, auch weiterhin größere Fortschritte machen können, aber manche Rückständigen noch weiter ins Minus abgleiten. Dann hat die „Avantgarde“ um so mehr die Pflicht, ihre Solidarität mit den Bemühungen der noch Zurückbleibenden auch praktisch zu beweisen. Aber nicht jeder wird auf gleiche Höhe aufschließen können, vor allem wenn er noch nicht einmal dieses Ziel erkennen und den Wunsch entwickeln konnte, es zu erreichen. Dann kommt wieder das bittere biblische Wort zum Tragen: „Wer hat, dem wird gegeben, und wer nicht hat, dem wird noch genommen“. Aber dieses Wort hat nicht nur den peinlich merkantilen Sinn, der noch deutlicher in dem ursprünglich plattdeutschen Sprichwort zum Ausdruck kommt: „Der Teufel scheißt immer auf den größeren Misthaufen!“, das heißt: wer schon reich ist, ist zugleich ein Immerbesserverdiener, und derjenige, dem es schon ziemlich dreckig geht, der könnte bald alles verlieren und ganz zugrunde gehen.

Ich will hier stärker den positiven Aspekt dieses bitter-realistischen Zusammenhangs herausstellen: die Verbesserungsfähigkeit des schon ziemlich guten Ganzen, von dem auch seine Teile (Einzelaspekte, Einzelgruppen, Einzelpersonen etc.) profitieren können. Ich muss dazu etwas ausholen und auf vor- und außermenschliche Vorgänge zurückgreifen. Es gibt in der Natur Tendenzen zur einfacheren Form und zur eindeutigeren Funktion. So lässt die Isotropie der Gravionenstrahlung ohne weiteres Zutun einer formenden Intelligenz die mannigfaltigsten Zufallsformen von Massenagglomerationen schließlich zu streng kugelförmigen Objekten zusammen sintern, und die von starken Elektronenbewegungen herrührende elektromagnetische Strahlung wirkt auf die Moleküle in Eisenteilen so ein, dass sie sich selber zu gleichgerichteten Einzelmagneten ordnen und schließlich als Gesamtmagnet funktionieren. Gespannte Saiten oder starre Hohlkörper lassen sich von außen zu ganzzahligen Schwingungen anregen, die wir als die diskreten Töne einer Tonleiter hören können. Im Reich des Lebendigen können hochdifferenzierte Formen sich selbst erhalten und bei Bewährung in ihrer Umwelt sich um so stärker vermehren. Einmal mit Eigenleben versehen, können sie sich selber ernähren und wachsen, Pflanzen sogar in Wohnräumen, solange nur genügend Licht durch das Fensterglas dringt und sie regelmäßig mit Wasser und ab und zu mit Dünger versorgt werden. Solche Vorgänge werden unter dem Begriff der Autopoiese oder besser Selbstorganisation zusammengefasst.

Nicht nur das Lebewesen in seiner Ganzheit hat diese Möglichkeiten zur Selbstentwicklung und Selbsterhaltung, sondern auch Substrukturen in ihm können über solche Tendenzen zur Selbstorganisierung verfügen. Die Gestaltpsychologie hat im Bereich der menschlichen Wahrnehmung eine Tendenz zur guten Gestalt festgestellt, zur Schließung einer noch unvollkommenen Reizkonfiguration zu einem als Ganzes erfahrbaren Objekt, und so können im scheinbar regellosen Durcheinander dennoch Muster erkannt und in Wolken ziemlich hohe Wesen erkannt werden. Auf einer höheren kognitiven Ebene können verschiedene Dinge, die je einzeln benannt werden können, nach irgendwelchen Ähnlichkeiten zu größeren Gruppen zusammengefasst werden, die dadurch noch deutlicher als einander zugehörig erfahren und mit einem Oberbegriff bezeichnet werden können. Neben Ähnlichkeiten gibt es auch Unterschiede, außer Feststellungen gibt es auch Negationen, und so bauen sich wie von selbst logische Beziehungen auf, schon lange bevor ein Logiker es schaffte, sie in ein weitgehend widerspruchsfreies System zu bringen. Der Logiker konnte dies tun, weil die Sprache schon vor seinem Zutun sich selber zur Logikfähigkeit hin organisiert hat.

Ähnlich ist es mit der Mathematik. Wenn Menschen erst einmal mit dem Mengenvergleich (erkennbar mehr, oder aber deutlich weniger) und mit dem Zählen (zunächst mit den Fingern, inzwischen mit Zählmaschinen) angefangen haben, wenn sie (dekadische, binäre etc.) Zahlensysteme begründet, darin die verschiedensten numerischen Beziehungen, neue Rechenoperationen, neuartige Funktionen etc. entwickelt haben, dann führt die Weiterentwicklung von schon bewährten mathematischen Ansätzen fast zwangsläufig zur Selbstdifferenzierung des bisher erschlossenen mathematischen Gesamtsystems, und darauf aufbauend können einzelne geniale Mathematiker immer weiter daran arbeiten und neue mathematische Teilwelten entstehen lassen.

Solche Selbstorganisationen in Teilbereichen bleiben nicht getrennt oder unabhängig voneinander, ja sie haben sich schon immer gegenseitig angeregt und aufeinander bezogen. Neue physikalische oder allgemein naturwissenschaftliche Entdeckungen haben neue mathematische Formalismen auf den Plan gerufen, um sie beschreibbar zu machen, und die Fähigkeiten von Menschen zum Entdecken und Berechnen konnten selber zum Gegenstand psychologischer Untersuchung und sogar von hirnphysiologischer Forschung werden. So schließen sich Teilganze zu einem Gesamtsystem zusammen, finden ihren Platz im Ganzen, organisieren sich in einem Rahmen, der sie in einem gewissen Maße determiniert, aber gleichzeitig von ihnen selber, also von diesen Teilganzen her mitbestimmt wird. Dabei kommt ins Spiel, dass ein einigermaßen passender Gesamtrahmen zu Verbesserungen dessen beitragen kann, das sich in ihn einordnen lässt. Je einzeln können die Teile noch mit Fehlern behaftet sein. Im Zusammenhang aber fangen sie an, sich gegenseitig zu korrigieren! Auf diese Weise kann jede Einzelverbesserung zur Verbesserbarkeit des Übrigen beitragen, sogar spezifische Verbesserungen an anderer Stelle anregen. Die Tendenz zur Autopoiese, zur Schließung des noch Disparaten zur guten Gestalt lässt die Selbstordnungsprozesse schließlich auf das werdende Ganze übergreifen.

Man kann sich fast darauf verlassen: dann entwickelt sich ein „Memom“, ein Zusammenhang dessen, was sich über Einzelheiten und auch über das sie einschließende Ganze immer klarer aussagen lässt, und auch ein solches Memom kann sich zunehmend selber organisieren. Wenn erst einmal die vielen einzelnen Richtigkeiten sich zusammengefunden haben – eine Enzyklopädie oder auch die Wikipedia im Internet ist ein praktischer Rahmen dafür - , und wenn dabei der Gesamtansatz stimmt und sich als theoretischer Rahmen eignet, dann kommen auch gegenseitige Korrekturen und dadurch angeregt und gestützt auch immer wirksamere Selbstkorrekturen in Gang. Dann genügt es fast, an dieser oder jener Stelle einfach weiter dran zu arbeiten, sich überhaupt damit zu befassen, und dann wird dies schon zu einer Verbesserung im Einzelnen und zu einer Optimierung des Ganzen beitragen. Es kann nur noch besser werden! Das ist dann längst nicht mehr die Leistung eines einzelnen Genies, sein großer Wurf, das neue Paradigma. Vielmehr hat das Memom selber schon Fähigkeiten zur Selbstkorrektur, stellt quasi den einen oder anderen Denker in Dienst zur Selbstverbesserung des Ganzen. Insbesondere der Philosoph ist dann so etwas wie ein Diener der Wahrheit, der „Sophia“, die aber auch ohne ihn Bestand hätte. Sie hat viele Helfer!

Ich merke, dass „die Wahrheit“ in meinem Darübernachdenken ein Eigenleben gewinnt, eine Eigenwirklichkeit gegenüber den Einzelbereichen (ich selber als denkender und schreibender Mensch gehöre auch zu diesen), die in ihr aufgehen und zu ihrer weiteren Ganzwerdung beitragen. Eine solche Wahrheit wäre demnach eine Superstruktur, die aus diversen Substrukturen hervorgegangen ist, und ich betone: sekundär aus ihnen! Also nicht wie ein Gott, der schon vorher da war, und aus dem alles geworden wäre. Eher umgekehrt: eine Superstruktur, die aus allem, vornehmlich aus uns Menschen und aus unserem Denken hervorgegangen ist. Und doch ist sie alles andere als ein Golem, ein Geschöpf des Menschen, das schließlich alles zu beherrschen versucht, ähnlich wie seit einigen Tausend Jahren der Monotheos. Vielmehr ist sie eine Möglichkeit für uns, uns über das Ganze des Seins in einem Mindestmaß zu verständigen.

Im Vertrauen auf die Selbsterhaltungs- und Selbstentwicklungs-Kompetenzen dieses Memoms kann man eine Version davon unbesorgt in die Welt schicken und ihm weiteres Gedeihen wünschen. Man braucht sich im Grunde gar nicht mehr um dieses Memom zu kümmern. Wenn es genügend Anknüpfungspunkte hat – unsere Enkel sprechen von „links“ -, wird es anderen Menschen, jedenfalls den neugierigeren, vor Augen kommen und sie zum Weiterdenken anregen, und einige hoffentlich zum Weiterarbeiten motivieren an dem, was sie vorgefunden haben.

Aber da könnte eingewandt werden: Könnte auf diese Weise eine zuvor noch klare Aussage nicht auch verfälscht, ein komplexer Zusammenhang vereinseitigt, eine freie Sicht auf das Ganze des Seins verstellt werden? Sicher, das ist im Einzelfall möglich. Aber der Gesamtsinn ist ja schon über ein paar Tausend Jahre trotz starker Gegenbewegungen, trotz verschiedener Zensurversuche und Denkverbote, weiter tradiert und eben auch von mir aufgenommen worden, und er wird wohl auch die intensivsten islamisch-katholisch-fundamentalistischen Repressionen überstehen, einfach weil er attraktiv ist (neugierig macht, zur Diskussion anregt), und überzeugend ist (ohne Geistesverrenkungen verstanden, in einfacher Umgangssprache ausgesagt und in alle Sprachen übersetzt werden kann). Dieser Gesamtsinn, wenn er weitervermittelt wird, auf welchen Kommunikationswegen auch immer, wird überall Menschen finden, die ihn schon irgendwie kennen, die ihn schon erwartet haben und freundlich aufnehmen. Welcher vernünftige Mensch würde sich schon die Chance entgehen lassen, durch bessere Information bereichert zu werden!

Und das Ende des Monotheismus? Es hat zumindest schon begonnen! Und wer am Ende dieses Buches noch nicht ganz davon überzeugt ist, sollte am besten versuchen, das Buch noch mal ganz von vorne beginnend zu lesen, nichts auszulassen, viel darin zu korrigieren, und mir die Korrekturvorschläge zukommen zu lassen. Das könnte dazu helfen, die Gedankengänge ein nächstes Mal noch plausibler und noch überzeugender werden zu lassen!