3.1.5. Der Weg zur wissenschaftlichen Erforschung der Gravitation

Solche persönlichen traumhaften Schwere- und Levitationserfahrungen und die darauf beziehbaren sozialen Traditionen von Mythen, Märchen und Sagen regen zum Nachdenken an und können schon in erste Versuche übergehen, das so Erfahrene auch theoretisch zu verarbeiten. Das Allerselbstverständlichste auf der Welt, dass wir liegen, stehen, gehen, laufen, springen und fallen können, dass ein Apfel vom Baum nach unten fällt (wohin denn sonst?), dass Vögel fliegen können (anscheinend "weil" sie Flügel haben!), kann dann zum Anlass für ein weiterführendes Fragen werden und zu ersten Versuchen, es sich selbst oder anderen zu erklären, es als Wissen zu vermitteln. Allein dass Phänomene der Schwere irgendwie erklärt werden, sei es mythisch oder "wissenschaftlich", kann das Fragen schon beruhigen: "Ach so, so ist das!" Allein das Wort "Schwerkraft" scheint schon als Antwort zu genügen: "Natürlich, die Schwerkraft hat das bewirkt!" Der Zoologe Erich von Holst hat solche Erklärungen sehr treffend als Beruhigungshypothesen bezeichnet: wenn man das Wort "Schwerkraft" hört oder verwendet, meint man schon, das Ganze verstanden zu haben, und gibt das Weiterfragen erst einmal auf.

Wer sich damit nicht zufrieden gibt, sondern es wirklich wissen will, beginnt stattdessen genauer zu beobachten, das Beobachtete und Berichtete zu vergleichen, schließlich sogar einiges zu messen. Der einfachste Vergleich besteht darin, zwei Dinge aufzuheben, das eine Ding in die eine und das andere Ding in die andere Hand, und sie gegeneinander abzuwägen. Welches ist schwerer? Das hängt natürlich auch von seiner Größe ab, aber auch von seiner Dichte. Wie schwer etwas Bestimmtes ist, finden wir offenbar immer wieder dann heraus, wenn wir etwas, was vor uns auf dem Boden oder auf einer Unterlage liegt, mit unserer Hände Kraft aufzuheben versuchen. Am schwersten sind dann größere Steine oder Metallteile. Auch Wasser, natürlich im Behälter, ist recht schwer. Ich selber bin auch ziemlich schwer, vor allem wenn ich versuchen würde, mich mit einem Klimmzug am Hochreck hochzuziehen. Holz ist leichter, Styropor ist besonders leicht. Mit Wasserstoff oder Helium gefüllte Ballons muss man sogar festhalten, damit sie nicht hoch in die Luft entschweben. Das Umgekehrte gilt auch: Wenn wir etwas, das wir eben noch in der Hand hielten, nunmehr loslassen, fällt es in der Regel vor uns nach unten auf den Boden. Es könnte uns auf die Füße fallen! Insgesamt gilt: schwere Objekte, die wir loslassen, fallen dann nach unten, ganz leichte können nach oben entschweben. So kann man Schwerephänomene beobachten und vergleichen und auf solcher empirischen Grundlage "Arbeitshypothesen" (v. Holst) entwickeln, die in systematischen Untersuchungen überprüft werden können. Vor allem die Beobachtung der Planeten gibt uns weitere Hinweise.