3.5.2. Die Begegnung mit dem Gravitationsabzapfer

Einen neuen Anstoß zur Beschäftigung mit der Gravitation gab mir eine Zufallsbegegnung. Noch vor dem Vordiplom, wohl im Jahre 1951, absolvierte ich ein klinisch-psychologisches Praktikum in einer nahe bei Göttingen gelegenen Landesheilanstalt für psychisch Kranke. In einer geschlossenen psychiatrischen Station konnte ich Kontakt mit schizophrenen und anderen Patienten aufnehmen, mit denen ich Tischtennis oder Schach spielte und Gespräche führte, noch ganz ohne psychodiagnostisch-psychotherapeutische Intentionen und Verfahrensweisen. Unter anderen, eher schwerer gestörten Patienten lernte ich auch einen kennen, der mir in seiner äußeren Erscheinung, in seinem Auftreten und Gesamtverhalten als ziemlich normal erschien. Er fasste Vertrauen zu mir und erzählte mir nach einiger Zeit auch offen, weshalb er sich in der Klinik befand. Diesen Bericht konnte ich dadurch überprüfen, dass der Stationsarzt mir zeitweise die Krankengeschichte des Patienten zur Einsichtnahme überließ. Aus beiden Quellen, aus dem Bericht des Patienten und aus den Akten erfuhr ich, dass er stationär psychiatrisch untersucht wurde, um eine mögliche Einschränkung oder Aufhebung seiner Zurechnungsfähigkeit zu überprüfen. Er hatte einige Zeit vorher den Chemiker und Nobelpreisträger Prof. Otto Hahn (1879 - 1968) vor dessen Göttinger Wohnhaus überfallen und mit einem zum Schlachten von Großvieh verwendbaren Bolzenschussgerät am Schulterblatt verletzt, was allerdings schließlich glimpflich verlaufen war, jedenfalls ohne dauernde Verletzungsfolgen.

Der Hintergrund dieser Wahnsinns-Tat war, dass der Patient sich von dem Professor tief enttäuscht und in seiner Selbstachtung gekränkt fühlte. Er hatte dem Professor zuvor brieflich und mit beigelegten Skizzen und Erläuterungen seine Erfindung, ein Gerät zur Nutzung von Gravitationsenergie als Antrieb etwa von Maschinen, nach späterer Einschätzung von Fachleuten ein Perpetuum mobile, vorstellen wollen. Der mit wichtigeren Dingen befasste Prof. Hahn beauftragte einen seiner Assistenten, den Brief zu beantworten und die Unterlagen zurückzuschicken, und bemerkte dabei beiläufig, dass der "Erfinder" übrigens eine ganz ansprechende Handschrift habe. Der offenbar recht dusselige Assistent informierte den Briefschreiber ziemlich abweisend, dass es doch kein Perpetuum mobile geben könne, und dass der Herr Professor Hahn im übrigen seine Schrift als recht ansprechend bezeichnet habe. Diese Behandlung konnte der Erfinder nicht ertragen und er rächte sich, indem er Prof. Hahn vor dessen Haus am Gartentörchen ansprach und, als der nicht reagierte, ihn von hinten mit dem Bolzenschussgerät anschoss. Ob sich der Täter dann selbst zur Tat bekannt hatte oder bald darauf oder irgendwann später identifiziert und verhaftet worden war, kann ich nicht mehr erinnern.

Nach Einweisung in die Landesheilanstalt war der Patient auf der Station völlig unauffällig, verhielt sich geordnet und bereitete keine Schwierigkeiten. Nachdem wir uns näher kennen gelernt hatten, erzählte er mir bereitwillig seine Geschichte, vielleicht um mich zum Bundesgenossen zu gewinnen. Schließlich bot er mir an, mir seine Erfindung zu erklären. Er ging dabei didaktisch recht geschickt vor, benutzte ein Servierbrett und eine fiktive Stahlkugel als Anschauungsmaterial (ich konnte mir die Stahlkugel gut vorstellen), und ließ mich die möglichen Bewegungen der Kugel auf dem Servierbrett selbst ausprobieren und die weiteren Schritte der Versuchsanordnung und des Aufbaus eines Gravitations-Abzapfers quasi selber erfinden. Ich wusste zwar, dass es kein Perpetuum mobile geben kann, und es war offenbar als solches gedacht, sah aber keine Möglichkeit, den Patienten direkt am virtuellen Gerät von meiner Sicht zu überzeugen. Er selbst kannte nämlich die Theorien über die Unmöglichkeit eines Perpetuum mobile, bestand aber darauf, dass seine Erfindung gar kein Perpetuum mobile sei, sondern ganz einfach die Schwerkraft als Energiequelle ausnutze, so wie anderen Maschinen die Wasserkraft, der Wind oder die Wärme als Energiequelle dienten. Man müsse nur herausfinden, wie man den Gravitations"wind" auffangen und als Energiequelle anzapfen könne, und er habe dies eben herausgefunden.

In dieser Situation, auch um die beschämende Nichtbeachtung des Inhalts seines Briefs und die Überbeachtung seiner Handschrift wieder aufzuheben oder in ihrem Effekt zu mildern, versuchte ich telefonisch, einen Assistenten des Physikalischen Instituts dafür zu gewinnen, dass dieser in einem "privatissimum gratis" dem Patienten vor Augen führe und verständlich mache, wo der Denkfehler und damit Konstruktionsfehler seiner Gravitationsnutzungs-Maschine lag. Das hatte natürlich mit dem Kräfte verzehrenden Rücktransport der zunächst von der Gravitation beschleunigt fallenden oder rollenden Kugeln zu tun. Ich fand aber keinen Fachmann, der sich zu diesem Versuch einer Aufklärung bereit fand. Von dem Patienten schied ich nach Abschluss des Praktikums in gutem Einvernehmen. Beim Tischtennisspielen hatte ich ihn zwar meistens besiegt, im Schach war er mir aber überlegen.

Die Begegnung mit dem Gravitationsabzapfer, mit einem anscheinend paranoiden Perpetuum-Mobile-Erfinder, hatte mein Interesse an der Gravitationsproblematik zunächst noch wiederbelebt und gab mir einen neuen Anstoß, mich wieder ernsthaft mit ihr zu befassen. Sie wirkte aber zugleich als Bremse, weil ich doch vermeiden wollte, mit meinen eigenen Spekulationen als Spinner zu erscheinen und mich vielleicht tatsächlich in Fehlerklärungen zu verrennen. Ich brauche wohl nicht noch besonders zu betonen, dass es nach meiner Überzeugung kein Perpetuum mobile gibt und keines geben kann, und dass für mich auch die klassische Äthertheorie obsolet ist. Es gibt offenbar keine noch so feine Substanz, die als eine Art Himmels-Gallerte ermöglicht, dass sich in ihr Licht- oder andere Wellen von einem Körper ausgehend ausbreiten und über diese Vermittlung andere Körper erreichen können. Dabei ist noch zu bedenken, dass etwa Meereswellen, vor allem wenn sie die Größe von Tsunamis erreichen, zunächst als riesige Brecher ungeheure Stoß- und Druckkräfte ausüben und an den Küsten damit schwerste Zerstörungen bewirken, bevor sie erst bei ihrem Zurückfluten das von ihnen Zerstörte meerwärts mit sich "ziehen" (aber faktisch doch eher meerwärts schieben!), also sowohl im Hin als auch im Her als Kraft "a tergo" wirken.

Es könnte sein, dass ich damals die alte Unterscheidung zwischen einer "vis a fronte" (Anziehungskraft) und einer "vis a tergo" (Schub- oder Stoßkraft) schon kannte, wohl auch die alten Theorien über den Äther. In den nur kurz zurückliegenden vier Semestern Physikstudium waren mir außer Newtons Theorien auch die neuen Ansätze von Einsteins Relativitätstheorien nahegebracht worden. In seiner Allgemeinen Relativitätstheorie hielt Einstein sich gar nicht erst damit auf, sich zwischen "pull“ und „push" zu entscheiden. Er verstand das Gravitationsfeld als Modifikation der Raumzeit und versuchte, gravitative Effekte (insbesondere minimale Abweichungen von bisherigen Beobachtungen) auf Krümmungen der Raumzeit zurückzuführen. Dies war anscheinend mathematisch völlig korrekt, aber für Nicht-Mathematiker nur schwer nachzuvollziehen. Auch die Popularisierungen der Allgemeinen Relativitätstheorie haben es mir nicht leichter gemacht, sie mir anzueignen, im Gegenteil. Das lag wohl daran, dass ich gewisse begriffliche und erkenntnistheoretische Voraussetzungen dieser Theorie nicht akzeptieren konnte oder wollte. Ich hielt Einsteins Ansatz für eine raffinierte mathematische Beschreibung gravitativer Phänomene, aber nicht für deren Erklärung durch Rückführung auf Ursachen oder Bedingungen.

Die Konfrontation mit den Einsteinschen Relativitätstheorien verstärkte somit noch den inneren Konflikt, dass ich nichts glauben konnte, was die Erklärung der Gravitation als Anziehungskraft betraf, und dennoch mich nicht traute, eine alternative Erklärung als eigenes Wissen oder auch nur als eigene Vermutung vorzubringen und dabei eine entschiedene Kritik an Einsteins Ansatz zu riskieren. Unter der Wucht der allgemeinen fachlichen Zustimmung der Physiker und sogar schon der interessierten Öffentlichkeit und unter dem Eindruck der Atombomben, die anscheinend genau nach einer Einsteinschen Formel (E = m c²) Materie in vernichtende Energie umwandelten, und schließlich auch angesichts der Irrwege des gewalttätigen und vielleicht sogar paranoiden Erfinders steckte ich meine kritischen Bemühungen für längere Zeit auf.