3.9.2. Kosmogonie: Von der homogenen Urmaterie zum strukturierten Weltall

Nachdem ich das kosmologische Geschehen zunächst in großen Zügen aus der Sicht der Katastrophentheorien des Urknalls und des Weltenendes beschrieben habe, soll nun, unter stärkerer Berücksichtigung der von mir postulierten Gravionen, ein weniger dramatisches Bild solcher Vorgänge entworfen werden, das zugleich auch von einfacheren Voraussetzungen ausgeht. Schon in den erkenntnistheoretischen Überlegungen (3.4.) habe ich mich der Position angeschlossen, dass die Wahrheit, die wir wissenschaftlich zu erschließen versuchen, im Grunde einfach sei. Unter Bezug darauf will ich hier die These aufstellen, dass das von uns vorgefundene Sein, zu dem wir selber gehören, in seinen allerersten Anfängen als etwas gleichermaßen Einfaches begonnen hat. Diese Sicht ist nicht selbstverständlich. Menschen neigen dazu, von sich selbst auf andere Menschen oder Wesen zu schließen, und so schließen sie von sich selbst auch auf Gott. Und weil es einem Menschen manchmal recht schwer fällt, ein brauchbares, gut funktionierendes und zugleich schönes Werk zu schaffen, stellt er sich auch den Anfang der so vollkommenen Welt als die phantastisch gut gelungene Erschaffung oder "Schöpfung" durch einen Gott vor, der dies ganz besonders gut konnte, schon weil er allmächtig war. Schon der Entwurf seines Werkes war vollkommen: Als Allwissender hatte Gott gleich an alles gedacht, was vorher zu bedenken war, auch wie das von Ihm Geschaffene einmal sich entwickeln und schließlich sein sollte.

Es konnte auch ganz anders angefangen haben, etwa in der Art, wie ich es mit einem von mir umformulierten Sprichwort sagen könnte: "Aller Anfang ist leicht und einfach". Man braucht gar keinen allmächtig-allwissenden Gott dazu! Als einen Kompromiss zwischen den schon vorher besprochenen Auffassungen, die Welt sei aus Nichts erschaffen worden, oder aber, die Welt habe schon immer bestanden, biete ich eine, wie ich meine, neue Version an: irgendwann einmal, lange vor dem Urknall, bei dem ja schon "Etwas" auseinander platzte, also schon vor solcher Explosion, da war es passiert, dass ein Nichts sich verheddert, eine Schlaufe gebildet, sich zum Etwas verknotet hatte, und zwar in einer für weiteres Nichts höchst ansteckenden Weise, so dass es immer mehr von solchen hoch infektiösen Nichts-zu-Etwas-Verknotungen gab, und immer neue Arten davon. Nennen wir sie einfach auf neudeutsch "knots"! Die infektiöse Verknotung des Nichts zu Etwas könnte sich allmählich ausgebreitet haben, und wir auf unserer Erde könnten ein spätes lokales Ergebnis davon sein. Und das alles geschah ohne Erstknall, vielmehr ganz sacht und leise wie von selbst beginnend, und sehr bald schon sich selber multiplizierend und multipel bleibend! Und da wir es vielleicht nie sicher wissen können, wie es wirklich war, steht es ja in unserem Belieben, uns den Anfang und das mögliche Ende so zu denken, wie es unserer Welterfahrung am besten entspricht und als insgesamt stimmig erscheint. Es könnten also die Grundbausteine der Materie einfache Schlaufenbildungen und Verknotungen eines Nichts sein, oder wohl doch eines Fast-Nichts, und zwar so, dass sich diese ersten "Komplikationen" (von lat. plecto "flechten"; plico "zusammenrollen") wie eine Ansteckung weiterverbreiten konnten, bis zur heutigen Masse und Größe des Weltalls! Zu diesen "knots" gehören natürlich auch die Gravionen und/oder Neutrinos mit ihrer Tendenz, schon bei ihrer Bildung (oder bei ihrem Freiwerden aus stabilen Bindungen) in riesiger Geschwindigkeit in den Weltraum katapultiert zu werden. Sehr leicht und einfach waren auch die Elektronen, und immer noch Leichtgewichte von einfacher Beschaffenheit waren die Quarks und die aus ihnen zusammengesetzten Neutronen und Protonen, und schließlich, in ihrer recht stabilen Verbindung mit einzelnen oder wenigen Elektronen, die ersten Atome der Elemente Wasserstoff und Helium. Und das war's schon: einfach, leicht und geradezu übersichtlich! An diesem Anfang war das gesamte Universum ziemlich homogen, über weite Räume von gleichartiger Beschaffenheit und zunächst auch so gleichartig bleibend, fast ausschließlich von dem ausgefüllt, was in seiner Gleichartigkeit zugleich extrem häufig war: immer noch mehr von demselben, so weit gerade das Werden reichte. Sich aus solchen Anfängen weiterzuentwickeln, nichts war leichter als das, wenn es einige Milliarden Jahre Zeit dafür gab!

Die sehr, sehr allmählich begonnene Entwicklung des überall Gleichen zum örtlich Verschiedenen, von einfachsten homogenen Anfängen in Richtung auf höhere Komplexität hin, nahm erst spät an Tempo zu. Differenziert und nachgerade kompliziert wurden die Dinge erst viel später, und auch nicht überall und oft, sondern lokal und selten. Ansonsten verbleibt wohl das Meiste so, wie es schon lange war: überall gleichförmig, leicht und einfach, vielleicht wie die Dunkle Materie, die 90% der Masse des Weltalls ausmachen soll. An einigen Stellen in diesem Ozean des Gleichen kam es aber zu Verdichtungen, Verwicklungen und Verklumpungen, dann bildeten sich unter bestimmten Bedingungen auch die schwereren Elemente, dann begannen mit ihrer Verwicklung ineinander auch die Entwicklungen, und mit der Komplexität auch die Kompliziertheit und am Ende die Komplikationen. So richtig schwer wird die Materie erst gegen Ende, wenn sie unter dem Druck der Gravionen immer weiter zusammenklumpt und sich schließlich zum "Schwarzen Loch" verdichtet. Aber so weit ist es in unserer Nähe noch nicht, bei uns auf der Erde gab es und gibt es sogar noch Luft und Wasser, also frei wehende Gase und frei flutende Flüssigkeiten, und an ihren Grenzbereichen, später auch frei beweglich auf dem Erdboden und sogar in der Luft, verbreiteten sich lebendige Wesen, schließlich auch Menschen, einige davon sogar im praktisch luftleeren Weltraum und kurzzeitig auf dem Mond! Allein dieses spontan entwickelte lebendige Sein weiterhin entwicklungsfähig zu erhalten, das ist schon die Kunst! Dagegen gelingt der Versuch, etwas kompliziert Vollkommenes wie einen Golem neu zu erschaffen, vielleicht erst am Ende. Man sollte es auch lieber lassen. Deshalb ist auch der allseits vollkommene Gott erst so spät aufgetreten, praktisch erst mit dem Menschen. Und dieser Gott ist wirklich die Krone der Schöpfung, und nicht nur der eine Gott. Die anderen Göttinnen und Götter natürlich auch!

Ich merke gerade, dass ich Astrophysikern wie Alcubierre an Spekulieren-Können nicht nachstehe. Nur behaupte ich nicht, dass meine Phantasien der Weisheit letzter Schluss und naturwissenschaftlich begründet wären. Das mit den "knots" könnte sogar ein Irrtum sein, aber was soll's! Jedem Fortschritt der Wissenschaft kann ja jeder wieder seine eigenen Spekulationen anhängen, solange sie nicht am Weiterfragen und Weiterforschen hindern. Doch was ich eben vorgetragen habe, leuchtet mir selber zur Zeit am ehesten ein. Aber es sind wirklich sehr spekulative Überlegungen und ich erwähne sie nur als Anregung und vielleicht Provokation, ohne ihnen das gleiche Gewicht zuzuschreiben wie meinen und unseren Versuchen, die Gravitation als "vis a tergo", als "pushing gravity" zu erklären.