9.2.4. Rolf Krauss: Das Moses-Rätsel. Auf den Spuren einer biblischen Erfindung.
Ullstein (München) 2000, 352 S.

Nach dem gründlichen Durcharbeiten dieses inhaltsreichen Buches blieb in mir ein zwiespältiger Eindruck zurück: der kundigen Vermittlung von insbesondere ägyptologischem Wissen, das für ein tieferes Verständnis der Mose-Geschichte nützlich sein könnte, stand die entschiedene Weigerung des Autors gegenüber, die von ihm erarbeiteten Interpretationsmöglichkeiten zu nutzen, nämlich für die Frühgeschichte der Israeliten und vor allem für die Geschichte der jüdischen Religion. Diese Differenz zeigt sich schon in dem unterschiedlichen Beiklang der Kapitelüberschriften im Vergleich des ersten, auf Ägypten bezogenen, mit dem zweiten, auf Israel bezogenen Teil des Buches.

So finden wir im ersten Teil die folgenden Überschriften (ich führe sie auch als ungefähre Inhaltsangabe an): - Moses, ein Ägypter - Die ägyptische Herkunft des Namens Moses - Moses, ein Jünger von Pharao Echnaton? - Moses, ein Pharao - Moses, Prinz von Ägypten - Suche nach einem ägyptischen Mann namens Moses - Der ägyptische Prinz Mase-saja als Vorbild des biblischen Prinzen Moses - . Das mutet recht sachlich an, und der Inhalt dieser Kapitel ist in der Tat informativ, auch wenn er vielleicht nicht in allen Punkten einen Ägyptologen überzeugen kann.

Zwei weitere Überschriften dieses ersten Teils fallen in der Wortwahl und eher kritischen Tendenz aus dieser Reihe heraus (Unterstreichungen durch mich): - Der Moses-Mythos - Das Märchen von der Aussetzung des Moses -, und im zweiten, auf Israel bezogenen Teil dieses Buches schließen sich weitere derartige Infragestellungen an: - Moses und die biblische Geschichte: Dichtung oder Wahrheit - Die sagenhaften Wanderungen der Erzväter - Die historische Unzuverlässigkeit der Josephsgeschichte - Die Exodus-Legende - Die angebliche Eroberung von Kanaan durch die Israeliten - Moses, ein erfundener Religionsstifter - ... biblische Geschichtsdichtung über die ... Königszeit - Der dunkle Ursprung der biblischen Religion - Die biblische Moses-Legende als Dichtung der Perserzeit.

Da fragt sich selbst ein geneigter Leser: Wozu bemüht sich Krauss so sehr, in vielen Ansätzen nachzuweisen, dass es einen historischen Moses gab (als Ägyptologe hätte er ihn wohl besser "Mose" nennen sollen), wenn er für diese Person dort, wo sie für die Israeliten wichtig wurde, keine Verwendung mehr hat, sondern stattdessen den Mose zur Märchengestalt reduziert oder sogar diffamiert? Es ist auch unerfindlich, dass (wie Krauss es darstellt) die Israeliten unter persischer Herrschaft, im ihre eigene Identität zu behaupten, ausgerechnet einen ägyptischen Prinzen zu ihrem Religionsgründer wählen, wo doch der altisraelitische Abraham aus Ur in Chaldäa räumlich und zeitlich viel näher lag, und außerdem (nach Krauss) der Monotheismus eigentlich auf persische Traditionen zurückzuführen ist? Um diese überraschende Wendung zu begründen, muss Krauss aus Echnaton einen Doch-noch-Polytheisten machen, und zwar mit Rekurs auf die Schlange, die sich um die Sonnenscheibe seines Gottes Aton ringelt, und aus den zutiefst dualistischen (zarathrustrischen) Traditionen der Perser, auf die Krauss auf S. 314 ff. hinweist, muss er einen Doch-schon-Monotheismus destillieren. Dazu reicht ihm die folgende Behauptung (S. 312): "Perser und Meder waren der Lehre des Propheten Zarathustra verpflichtet, der die Verehrung eines einzigen Gottes verkündet haben soll", aber dafür führt Kraus keine weiteren Belege an. Stattdessen geht es dann ganz dualistisch um den Teufel (auch in der Gestalt der Schlange).

Im zweiten Teil und vor allem gegen Ende des Buches setzt Krauss seine Meinung, die Mose-Geschichte sei bloß ein Mythos, schließlich sogar in Schmähungen um, von denen ich einige wiedergebe. Auf Seite 223 bezieht sich Krauss auf "diese über alle Maßen phantastischen Erzählungen", und behauptet wenig später (S. 225), "dass der Auszug aus Ägypten ganz und gar erdichtet ist". Besonders krass sind die Formulierungen auf S. 274: "Oder sollte das Buch Josua in friedlichen Zeiten entstanden sein? Möglicherweise stellt dieses Buch nichts anderes dar als den Tagtraum eines ohnmächtigen, religiös-chauvinistischen Schriftstellers, der >eben in der Zeit, wo das Volk politisch vernichtet war, auf dem Papier in widerlichster Weise in der Wollust der Grausamkeit schwelgte. Dadurch ist das Buch Josua eines der unerfreulichsten und verlogensten des Alten Testaments geworden<, wie sich der Historiker Eduard Meyer vor über siebzig Jahren ausdrückte". Ich (H. Sch.) fragte mich an dieser Stelle: hat hier Rolf Krauss genügend streng nach der sachlichen Begründung dieses Zitats gefragt, oder hat er vielleicht nur etwas von Eduard Meyer "Erdichtetes" unbesehen übernommen und mit einer rhetorischen Frage als diskussionswürdig hingestellt? Aber dieser Passus ist kein Ausrutscher, denn es geht später im Text in der gleichen Tonart weiter.

Bei alledem bringt Krauss nebenher selber einige Hinweise für die Historizität bestimmter Aspekte des Exodus-Berichts. Zwar betont er auf S. 213: "Aber weder schriftliche noch archäologische Quellen lassen auf die Existenz einer Gruppe von Zwangsarbeitern schließen, die in einer bestimmten Zeit im östlichen Nildelta ansässig war", und er präzisiert dies mit dem Hinweis auf das "Fehlen archäologischer Zeugnisse für den Auszug aus Ägypten" (S. 223). Andererseits weiß er und gibt es in seinem Buch wieder (Karte auf S. 66), dass es zu der fraglichen Zeit tatsächlich (archäologisch nachgewiesen) kanaanäische Fundorte im östlichen Nildelta gab; dass die Israeliten ursprünglich fast die gleiche Religion hatten wie ihre kanaanäischen Nachbarn (sprachlich waren sie ohnehin eng verwandt), und archäologisch (etwa was ihre Töpferei betraf) waren sie im palästinensischen Bereich kaum voneinander unterscheidbar, sodass die Schlussfolgerung erlaubt ist, dass in den "kanaanäischen" Fundorten im östlichen Nildelta (auch) Israeliten lebten. Überdies merkt Krauss selber an, dass die Beschneidung ursprünglich eine ägyptische Sitte war (S. 300), und dass "Volkswanderungen ... gewöhnlich keine oder nur ganz geringe Spuren (hinterlassen), die der Spaten des Ausgräbers entdecken kann" (S. 224). Die Beweislage für den Exodus aus Ägypten ist somit gerade so sicher (oder gerade so unsicher) wie die für die Geschichtlichkeit des Mose. Dennoch ist R. Krauss überzeugt, dass es einen geschichtlichen Mose gab, aber dass (derselbe?) Mose als Begründer der israelitischen Religion "erdichtet worden ist". Ich habe bisher nicht herausfinden können, von welchen äußeren oder inneren Gründen der Autor zu einer derart seltsamen Parteilichkeit des Interpretierens motiviert worden ist.

Nach dieser Gesamteinschätzung bleibt als sachliches Ergebnis, dass Krauss mit seinen ägyptologischen Analysen das Interesse an der Aufklärung der Mose-Geschichte in Verbindung mit dem Exodus der Israeliten aus Ägypten wachgehalten hat. Aber einige Fragen warten wohl noch auf Beantwortung: 1.) Wie ist die zeitliche Differenz zu überbrücken zwischen den räumlich noch in Ägypten und zeitlich in den Jahrhunderten nach Echnaton anzusetzenden Geschehnissen des Exodus einerseits und der eher späten Datierung der jahwistischen Redaktion und Verschriftlichung dieser Geschichten andererseits? Muss hier mit einer jahrhundertlangen mündlichen Tradition ggf. über kultische Formeln gerechnet werden, vergleichbar mit dem, wie die Geschichten über den Trojanischen Krieg sich bis zur homerischen Ilias erhalten haben? 2.) Wie konnte es dazu kommen, dass ein Ägypter die Israeliten dazu bewegen konnte, die "Fleischtöpfe Ägyptens" zu verlassen und über Steppen und Wüsten in ein erst noch zu eroberndes Land Kanaan zu ziehen? Wollten die Ägypter die israelitischen Fremdlinge vielleicht einfach loswerden und ist es ihnen mit Hilfe des Prinzen Mose, mit seinen Versprechungen ("Verheißungen") und Drohungen, Forderungen und Verboten, die er als Gottes Gebote ausgab, schließlich sogar gelungen? Ich will diese (meine) Fragen offen lassen.