9.2.6. Jürgen Manemann (Hrsg.): "Monotheismus".
Band 4 des Jahrbuchs für Politische Theologie, 2002. LIT-Verlag, Münster, 2003.

Der von 17 Autoren verfasste Reader ist im Ganzen genommen ein Musterbeispiel einer Apologetik (=Rechtfertigung des Glaubens), und zwar des christlichen, insbesondere katholischen Glaubens an den Monotheos, aber auch des noch entschiedener monotheistischen Glaubens der jüdischen Vater-Religion. Die Apologetik richtet sich von der Mehrzahl der Autoren gegen die in unserer Zeit immer stärker werdende Kritik an den Grundvoraussetzungen monotheistischer Religionen, und nicht zuletzt auch, wenn auch teilweise etwas versteckt, gegen Jan Assmanns so überzeugende These, dem Monotheismus sei eine Gewalttendenz inhärent, und er sei ein Rückschritt gegenüber den vor-monotheistischen Polytheismen der antiken Hochkulturen.

Die an diesem Buch beteiligten Apologetiker nutzen verschiedene Möglichkeiten der Argumentation. Am meisten empört hat mich der Versuch des Herausgebers (!) Jürgen Manemann, von anderen Autoren katholisch und jüdisch untermauert, die Monotheismus-Kritik in eine rechte Ecke zu stellen, ja als nazistisch zu diffamieren. Eine andere Möglichkeit nutzt Thomas Rüster, nämlich die Kritik am Monotheismus auf die Einzelgötter der Polytheismen umzulenken, und den all-einzigen jüdisch-christlich-islamischen Gott dann davon auszunehmen.

Anscheinend unter der Vorgabe, mit ihm einen Dialog führen zu wollen, kommt in diesem Band auch der Ägyptologe Jan Assmann selbst zu Wort. Tatsächlich ist er aber ziemlich unangemessen behandelt worden. Denn er durfte seine Thesen erst als 12. Autor darlegen, während schon vorher die meisten der vor ihm platzierten Autoren die Gelegenheit nutzten, den Monotheismus "darzustellen" (und das heißt im Zweifelsfalle: ihn zu verteidigen und die Kritiker anzugreifen). Fairer wäre gewesen, zuerst den (und die) Kritiker ihre Thesen darlegen zu lassen, und erst dann die Apologetiker dazu Stellung nehmen zu lassen. In Assmanns Beitrag über "Monotheismus" (S. 122 - 132), im Inhaltsverzeichnis unter "Standpunkt" relativiert, bietet er mit seiner Interpretation (S. 126) der Episode des "Goldenen Kalbes" seinen Kritikern unglücklicherweise eine überflüssige Angriffsfläche, und er kommt ihnen auch in seiner Schlussbemerkung sehr entgegen. Die im Unterschied zu seinem 1998 erschienenen Buch "Moses der Ägypter" (Hanser, München) nunmehr von Assmann betonte Konzilianz wurde ihm von den Apologetikern allerdings nicht honoriert. Stattdessen stellt Heinz-Günther Stobbe in seiner "Rezension" Jan Assmann in die Nachbarschaft mit dem "SPIEGEL" und mit einem so polemischen Autor wie R. Scheppers - "(der) seine Vorwürfe gleichsam mit Schaum vor dem Mund vorträgt" (S. 170) -, später auch mit K.-H. Deschner und dessen "Freischaufeln vermeintlich oder wirklich verschuldeter Massengräber" und seinem "Auftürmen riesiger Knochenberge vor dem Vatikan" (S. 178). Tröstlich ist jedoch der letzte Absatz (S. 180), in dem Stobbe auf immerhin 20 Zeilen so etwas wie ein Eingeständnis von Defiziten an kirchlicher Selbstkritik ausspricht.

Die letzten 5 Seiten des Bandes zeigen für den, der es bis dahin noch nicht selber gemerkt hat, woher der apologetische Wind weht: 1. aus dem in der Tradition des katholischen Fundamentaltheologen Johann Baptist Metz stehenden Ahauser Forum Politische Theologie und 2. aus dem verständlicherweise jüdisch dominierten Pastora Goldner Holocaust Symposion im Wroxton College. Dass aus solchen Blickwinkeln ein wissenschaftlich ausgewiesener Monotheismus-Kritiker leicht als alter Nazi erscheint (ein solcher Vorwurf gegen Jan Assmann wäre mir neu!), ist dann fast nicht mehr verwunderlich.


Ein Vorzug des Buches ist, dass in ihm die kritisierten Positionen von Jan Assmann und anderen Monotheismus-Kritikern immerhin angeführt werden, z.T. sogar wörtlich zitiert, wenn auch mit negativen Kommentaren und im Einzelfall mit Schmähungen versehen. Von diesen Zitaten mag dann doch manches in den Köpfen und Seelen der Leser hängen bleiben. So wird katholischerseits schon aussprechbar, dass das Christentum im Grunde jüdisch ist und dass Jesus nach seiner völkischen Herkunft und in seinem Glauben ein Jude war. Immerhin schon ganz gut für den Anfang! Und hoffentlich genügend wirksam gegen die bald 2000 Jahre alten und immer noch virulenten Antisemitismen der christlichen Kirchen und ihrer Gläubigen!